Die Seherinnen von Xardessia

Die Seherinnen von Xardessia tragen viele Namen. Manche nennen sie Hexen und spucken das Wort einem Fluch gleich auf den Boden. Andere nennen sie die Töchter Auras, Heilerinnen oder Seherinnen. Und in jeder dieser Bezeichnungen steckt ein Funken Wahrheit, denn das Geschenk der Aura kann vielerlei Gestalt annehmen.
Die Seherinnen tragen ihren Namen aufgrund ihrer Fähigkeit, durch Visionen einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Manche erhalten diese Einsichten ohne ihr Zutun und gleiten plötzlich in Zustände tiefer Trance hinein. Andere sehen Bilder auf ruhigen Wasseroberflächen oder nehmen Substanzen zu sich, die ihren Geist ferne Geschehnisse erblicken lassen.
Nicht immer sind die Ergebnisse dieser Visionen akkurat. Nicht alle treffen ein und manche sind zu schwach und zu verwirrend, um einen Sinn zu ergeben. Nur wenige, sehr mächtige Seherinnen sind in der Lage, wirklich klare Einblicke in die Zukunft oder in Begebenheiten an fernen Orten zu erhaschen und noch weniger von ihnen vermögen es, diese Visionen tatsächlich zu steuern.
Diejenigen, die die Macht dazu besitzen, stehen bei den anderen Töchtern der Aura in den höchsten Ehren und bekleiden oft hohe Ränge in der komplizierten Hierarchie der Seherinnen, in die nur wenige Außenstehende eingeweiht sind.
Es gibt nur wenige Töchter der Aura, die außerhalb dieser Hierarchie existieren. Normalerweise wird ein Mädchen, das die Anzeichen der Gabe zeigt, von einer Seherin unter ihre Fittiche genommen und beim nächsten Treffen der Töchter im Kreise des Orakels in ihren Reihen aufgenommen.
Nach Abschluss ihrer Ausbildung erhalten die Mädchen dann das Zeichen der Aura – ein goldenes Amulett, das ein stilisiertes Auge zeigt. Ein Abzeichen, das sich viele Seherinnen auch auf die Stirn malen, um ihre abgeschlossene Ausbildung und ihre Gabe, in die Zukunft zu blicken, zu zeigen.
Doch die Magie der Töchter Auras beschränkt sich nicht allein auf den Blick in die Zukunft. Jede von ihnen ist mit dem Brauen von Tränken und dem Gebrauch von Kräutern vertraut – sei es, um zu heilen oder um das Gegenteil zu bewirken. Ihre Tränke vermögen es, den Geist zu vernebeln, Menschen zu manipulieren und ihre Entscheidungen zu beeinflussen. Die mächtigsten Zaubertränke ermöglichen es gar, Halluzinationen und Illusionen hervorzurufen, doch diese Kunst ist nur wenigen Seherinnen vorbehalten und sie wird mit Vorsicht gelehrt.
Nicht alle Töchter der Aura sind Lichtgestalten. Manche von ihnen wenden sich den dunklen Künsten zu und lassen es zu, dass sie ihre Herzen schwarz werden lässt. Doch die dunkle Magie hinterlässt stets Spuren am Körper der Wirkerin. Seien es Augen, die die Schwärze der Nacht widerspiegeln oder Narben, die sich am Körper bilden und ihn verunstalten. Vielerlei Zeichen mögen darauf hindeuten, dass es sich bei einer Seherin um eine Anhängerin der Schwarzen Magie handelt – man muss sie jedoch zu deuten wissen. Somit wird den meisten Frauen, die ungewöhnliche körperliche Zeichen aufweisen, mit größter Vorsicht bis hin zur offenen Feindseligkeit begegnet.
Es sind zwar Fälle von Männern bekannt, die mit den Talenten einer Seherin geboren worden sind, doch es ist sehr selten, dass die magische Kraft auf das männliche Geschlecht übergeht.