La Isla del Sol

Die Insel der Piraten

La Isla del Sol. Ein harmlos klingender Name für die größte und berühmteste Insel des Escualo Archipels, der sofort an salzige Meeresluft, weiße Sandstrände, Kokospalmen und die heiße Sonne des Südens denken lässt. Tatsächlich entspricht dies auch der Realität und lässt auf den ersten Blick an ein tropisches Paradies denken, das von dichten Regenwäldern bedeckt ist und auf das bisher nur wenige Menschen einen Fuß gesetzt haben. So erschließt sich ein dichter, grüner Regenwald direkt hinter einer breiten Linie weißen Sandes und führt in ein Paradies voller exotischer Pflanzen und Tiere, das Wissenschaftler aus allen Teilen Terra Edeas anzieht.
In der Tat wurde das Escualo Archipel erst vor gut 100 Jahren von dem Terrano Abenteurer Francesco Verdi entdeckt, der es zu seiner persönlichen Pflicht erklärt hatte, die Welt zu bereisen und zu kartografieren. Sein Unterfangen ließ sich zunächst auch sehr erfolgreich an und Verdi brachte Terra Edea einige bedeutende Entdeckungen von seinen Reisen mit. Die beliebteste war dabei sicherlich die Kakaobohne, und er hätte gewiss noch vieles mehr leisten können, wenn ihm nicht seine ausgeprägte Libido zum Verhängnis geworden wäre.
So bandelte er mit der Tochter eines Stammeshäuptlings einer weit entfernten Insel im Ozean von Khalidea an, was ihn am Ende seinen Kopf kostete. Zumindest wird dies noch heute behauptet – andere Stimmen erzählen jedoch, dass er sich dazu entschloss, bei den Eingeborenen zu leben und sich dort bei den Ehemännern durchaus nicht immer beliebt gemacht hat.
Sei es, wie es wolle. Die Entdeckung des Escualo Archipels ist die Seine und sicherlich sind ihm alle Piraten Terra Edeas zu dem größten Dank verpflichtet, denn sie haben La Isla del Sol zu ihrer Heimat, ihrer ureigenen Nation erklärt, die unter ihren Gesetzen geführt wird.
Natürlich ging dies nicht ohne Reibereien vonstatten. Zunächst versuchten die Toregen, in deren Auftrag Francesco Verdi unterwegs war, und die Mondiénner, die sich selten etwas entgehen lassen wollen und die einen Spion auf Verdis Schiff hatten, sich das attraktive, neue Land zu eigen zu machen. Zu dumm allerdings, dass schon bald genügend Piraten hier ihr Lager aufschlugen, um die beiden Nationen das Fürchten zu lehren und sie schließlich zu vertreiben. Noch weitaus dümmer, dass sich die Toregen und die Mondiénner lieber gegenseitig bekriegten, anstatt gemeinsam gegen den neuen Feind vorzugehen.
So ist die Insel also keineswegs menschenleer und nur von der reichen Tierwelt bewohnt. Nur allzu schnell kann sich ein farbenprächtiger Papagei, der inmitten des dichten Regenwaldes sitzt, als das geliebte Haustier eines Halsabschneiders erweisen, das lediglich die Vorhut gebildet hat und seinen Besitzer unweigerlich mit sich bringt.
Denn auf der Rückseite der Isla del Sol, nicht einsehbar, wenn man sich der Insel von dem Edeanischen Kontinent aus nähert, befindet sich das mit Sicherheit größte Piratennest dieser Zeit, die Stadt Port Blood, auch Puerto del Sangre, benannt nach ihrem Gründer, dem legendären Piraten “Bloody” Jeremy Blood. Dieser lebt auch heute noch in seiner geliebten Stadt, wenngleich er sich mittlerweile mit vollen Goldtruhen zur Ruhe gesetzt hat und einen florierenden Waffenhandel betreibt.
Doch auch wenn der ehemalige Pirat nun eher gemütlich wirkt und einen Bauchansatz zeigt, sollte man sich durch sein fröhliches Lachen und seine amüsanten Geschichten nicht in die Irre führen lassen. Bloody Jeremy ist immer noch einer der besten Schützen, die jemals einen Fuß auf Terra Edea gesetzt haben und gerüchteweise kann er gar einen Golddukaten mit verbundenen Augen durchlöchern.
Jeremy Blood ist zudem das ranghöchste Mitglied im Rat der Kapitäne, jener Einrichtung, die einem gesetzgebenden Organ wohl am nächsten kommt und die einmal wöchentlich im Rathaus von Port Blood zusammentrifft. Natürlich kann man hier nicht von einer gewöhnlichen, friedlichen Regierung sprechen, in der vernünftig diskutiert wird. Piraten haben normalerweise ihre eigenen Ansichten, wie man Dinge zu regeln hat und so kann es durchaus vorkommen, dass sich in diesem Rathaus, jenem unauffälligen Gebäude in der Mitte der Stadt, Schlägereien oder Schießereien zutragen.
Allerdings muss eines gesagt sein – die Piratengesellschaft beruht auf dem festen Glauben, dass alle Menschen gleich sind und gleichbehandelt werden müssen. Und dabei ist es unerheblich, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau handelt. Eines der berühmtesten Mitglieder des Rates ist schließlich eine Frau – die auf allen Meeren des Südens gefürchtete Jasmine Rogers, jene temperamentvolle Schönheit mit dem weißblonden Haar und den grünen Augen, die mit der Shark nicht wenige Schiffe überfallen hat und die für ihre List und Gewandtheit bekannt geworden ist.
Doch auch außerhalb des Rathauses geht es nicht weniger rau zu. Die Piraten lieben es zu feiern, wenn sie nach einer langen Seefahrt nach Hause kommen und so hat sich in Port Blood die gesamte Bevölkerung darauf eingestellt. Prostituierte warten an jeder Ecke zwischen den dicht an dicht gebauten, idyllisch wirkenden Häusern auf einen finanzstarken Interessenten und die meisten von ihnen können hervorragend mit dem Dolch oder der Pistole umgehen, wenn es nötig ist. Ohnehin würde Port Blood auf den ersten Blick eher wie eine idyllische Kleinstadt wirken, die aus ihrer Anfangszeit, als die Toregen die Insel zuerst besiedelten, noch sehr viele Gebäude des toregischen Baustiles aufweist. Blumen in den Fenstern weisen jedoch gewöhnlich nicht auf ein harmonisches Familienlieben, sondern auf eines der besseren Bordelle der Stadt hin.
Auch der Alkohol fließt jederzeit in Strömen, während des Nachts in den Tavernen dieser Stadt Seemannsgarn gesponnen und der Musik gelauscht wird – wenn nicht gerade eine zünftige Schlägerei ansteht.
Im Grunde gibt es nichts, was man in den engen Gassen Port Bloods nicht bekommen kann. Die ständig wachsende, niemals ruhige Stadt, die sich weit hinauf in die Felsen der Northside Rocks schmiegt und von ihnen geschützt wird, ist stets voller Waren aus allen Ländern Terra Edeas. Hier kann alles zu Gold gemacht werden und jeder kann zu Reichtum kommen, wenn er es geschickt anstellt.
Am Fuße der Stadt liegen stets die Schiffe in dem von Kanonen geschützten Hafen und jeder, der nicht zu den Piraten gehört und keinen Sitz im Rat der Kapitäne besitzt, sollte vorsichtig sein, wenn er die Gewässer vor Port Blood ansteuert.
In der letzten Zeit scheint es, als ob wieder eine enorme Bedrohung von der Isla del Sol lossegelt, denn jenem junge Mann, der sich recht einprägsam als Lo Scuro bezeichnet, ist es innerhalb kürzester Zeit gelungen, eine eigene, kleine Flotte aus drei Schiffen zusammenzustellen, die allesamt unter seiner Flagge fahren und die kein Schiff, das ihren Weg kreuzt, bei ihrer Erfolgsgeschichte auslassen. Mittlerweile sind schon von beinahe allen Ländern des Edeanischen Kontinents Kopfgelder auf ihn ausgesetzt – eine Tatsache, die er scheinbar sehr genießt. Denn Lo Scuro sammelt sämtliche Schriftstücke, die seinen Namen tragen mit Vorliebe in einer kleinen Ruhe aus Eschenholz und holt diese gerne hervor, wenn es gilt, seine Opfer zum Schwitzen zu bringen.
Bei der Damenwelt ist Lo Scuro jedoch ausgesprochen beliebt und so soll er sogar schon die Tochter des Gouverneurs von Taragona, der Nachbarinsel von der Isla del Sol verführt haben, bevor er schließlich entdeckt wurde und nun eine waghalsige Flucht mehr zu seiner Legende hinzufügen kann.