Amaurié

Amaurié, die Stadt der Engel. Ein seltsamer Begriff, der sich hier eingebürgert hat. Aber wer das Auge ein wenig genauer auf sie richtet, der wird sich nicht lange über diese Bezeichnung wundern, wirkt die Hauptstadt Mondiénnes, die so idyllisch am Schlangenfluss gelegen ist, doch wie der Himmel auf Erden.
Wohin das Auge auch blickt, gibt es kaum etwas anders zu sehen als Engel, Engel und nochmals Engel. Hier eine Putte, die sich auf erotische Weise vergnügt, dort eine Putte, die weitaus profaner auf einer Trompete spielt und ganz dort hinten eine Reihe von Engeln, die sich in ihren wallenden Gewändern einem Tanz widmen, der zu einer stummen Melodie getanzt wird.
Es gibt sicherlich keine andere Stadt, die Amaurié, diesem weißgoldenen Himmelsreich gleichkommen könnte und dies spricht für Heloises Größenwahn, den man hier an jeder Straßenecke wahrnehmen kann.
Doch obgleich Heloise sehr darauf bedacht ist, dem geneigten Besucher aus einem anderen Lande eine perfekte Fassade vorzuspiegeln, so gibt es auch in Amaurié weitaus weniger himmelsgleiche Orte, Schmutz, Armut – aber auch das normale, gemütliche Leben der einfachen Bürger, die hier ihr Leben fristen.
Nein, nicht nur Luxus regiert diese Stadt, doch man muss wissen, wo man nach der Gemütlichkeit und der wahren Schönheit unter all diesem goldenen Prunk suchen muss.

La Calotte des Cieux

Das Himmelsgewölbe! Oh ja, natürlich hieß dieser Stadtteil nicht schon seit Urzeiten so, aber Heloise hat ihren eigenen Kopf, und wenn der Palais des Anges hier zu finden ist, dann soll gefälligst auch der zugehörige Stadtteil einen passenden Namen besitzen.
Nirgends in Amaurié ist Heloises Prunksucht wohl deutlicher spürbar als an diesem Ort, der bei Sonnenschein das Auge mit seinem Glanz blendet. Weißer Marmor und Gold gibt es überall, so weit das Auge reicht und man muss aufpassen, dass man keiner der vielen Engelsstatuen in die Quere kommt, die Heloise hier hat platzieren lassen.
Eine Straße, die sich spiralförmig durch den ganzen Stadtteil windet, vorbei an all den sorgfältig in Szene gesetzten Schönheiten Amauriés, sprich den Palästen der Adeligen, die sich an dieser Prunkstraße erheben, führt hinauf zum Palais der Könige von Mondiénne. natürlich passiert man dabei diverse Villen und Paläste, die ebenfalls der königlichen Familie gehören.

Am Ende dieser langen, von Engeln gesäumten Straße, gelangt man dann endlich an ihrem höchsten Punkt zu Heloises Palais, einem Anblick, der wohl vielen die Tränen in die Augen treiben mag. Ob dies jedoch an der Rührung oder an dem Gold liegen mag, ist fraglich.

Manch einer hat wohl diesen Ort gar mit der Sonne selbst verwechselt, was womöglich durch die goldenen Tore verursacht worden sein mag, die den Palast vor ungebetenen Besuchern schützen. Das Gebäude dahinter ist riesig – und man mag sich wundern, wie viele Diener benötigt werden, um es zu bewirtschaften. Ganz zu schweigen von den Gärtnern, die sich um die Parkanlagen, Gärten und Irrgärten der Königin kümmern müssen.
Ja, dieses Anwesen ist so riesig, dass man es beinahe mit einem besonders gut bewachten, eigenen Stadtteil verwechseln könnte. Schließlich besitzt die Königin in seinem Inneren sogar eine private Opernanlage, in der sie selbst ihr Können zum Besten gibt.
Doch auch abgesehen von dem Palais ist La Calotte des Cieux ein höchst edler Teil dieser Stadt – Gärten, Parkanlagen, Paläste und private Kirchen zu Ehren Edeas, die neuerdings in Mode gekommen sind, sorgen dafür, dass man ihn niemals wieder vergisst.

Le Miracle

Was das Himmelsgewölbe für den Adel ist, ist das Wunder für die Künstler – so benannt nach den vielen begnadeten Sängern und Künstlern, die hieraus hervorgegangen sind. Le Miracle ist wohl keineswegs so golden gefärbt wie der Stadtteil der Adeligen, aber dennoch gibt es einiges, was weitaus sehenswerter ist – vor allem das allseits beliebte und bekannte Nachtleben. Denn Le Miracle mag am Tage einen sehr verschlafenen Eindruck bei einem Besucher hinterlassen, erwacht es doch erst des Nachts zu vollem Leben.
Dann dringt Musik durch die Straßen, Konzerte werden gegeben, in den Ballsälen wird gesungen und getanzt und so manche kleine oder große Sünde wird begangen. Ja, Le Miracle ist das Leben in seiner reinsten Form, voller Laster, jedoch auch voller blühender Momente. Nirgends anders wird die Kunst in diesem Maße geatmet und gelebt, werden große Werke erschaffen und die schönsten Frauen nackt auf Leinwand festgehalten. Le Miracle birst beinahe vor exzentrischen Künstlern, denn hier wird die Schönheit groß geschrieben und das Leben in dramatischen Versen gefeiert.
So verwundert es nicht, dass so mancher weniger Talentierte sich bei einem der hiesigen Künstler einige Verse schmieden lässt, um damit zu beeindrucken und dass der Adel oft hier zugegen ist, um sich mit etwas zu schmücken, dass ihm eindeutig fehlt – Talent, Inspiration, Leidenschaft.
Leidenschaft, ein wichtiger Begriff an diesem Ort. Denn hier kochen die Gefühle über, hier gibt es die wildesten Duelle in dem großen Park, der nur als Le Bijou bekannt ist und der einige Ecken aufweist, an denen man solcherlei zwischen Bäumen, Büschen, Blumen und Statuen verbergen kann. Ein Ort der Liebe, aber auch ein Ort des Todes, wenn die Duelle bis zum letzten Atemzug der Kontrahenten ausgefochten werden.
Tatsächlich, Le Miracle ist etwas ganz Besonderes, ein Ort der großen Dramatik, der Verrücktheit, des Glücks und der Schande. Spieler fühlen sich hier ebenso zuhause wie Tänzer, Maler, Sänger, einfach jeder, der ein Herz voller Leidenschaft in seiner Brust besitzt. Und niemals darf man die beeindruckende Grande Opera vergessen, in der Träume zum Leben erwachen – oder in tiefer Schande sterben.

Marché du Monde

Der Markt der Welt – großspurig klingt die Bezeichnung dieses Viertels und doch täuscht er, leben hier doch vor allem die einfacheren Menschen.
Trotzdem gibt es hier auch viele der reicheren Händler, die so gerne den Adel in ihren feinen Stadthäusern imitieren und die in den besseren Teilen ihre edlen Geschäfte mit den erlesenen Waren führen. Die feinen Schneider mit dem teuren Tuch, die Coiffeure, Schmuckhändler und viele mehr. Doch je näher man an den Hafen kommt, desto mehr verschwindet diese Imitation des adeligen Lebens und die einfachen Leute nehmen le Marché in Besitz.
Ja, hier gibt es die Gemütlichkeit, die Einfachheit. Fern von den feinen Gaststuben findet man einfache Tavernen, gemütliche Gasthäuser mit der einfachen Küche und ebenso einfache Vergnügungen.
Le Marché hat zwei Gesichter, denn nahe dem Hafen sieht man die bitterste Armut, die Bettler und die Not, die Heloise vor den Augen der Welt zu verbergen trachtet. Auch raue Seeleute und viele Fremde nennen diesen Teil der Stadt ihr Heim. Händler, aber auch düsteres Volk, das sich in den dunklen Gassen herumtreibt und allerlei Schandtaten im Sinn hat. Ein Mörder wird gesucht? Voilá! Hier ist er! Für einen gewissen Preis ist in der Dunkelheit der Hafentavernen vieles zu bekommen. Jede Information, jede Tat.
Doch am Tage hat le Marché für jeden das Richtige zu bieten – und besonders der große Markt, der nach diesem Viertel benannt worden ist, kann mit allen erdenklichen Waren aufwarten, die Terra Edea zu bieten hat. Denn nicht nur Ware aus Mondiénne wird hier verkauft. Über den Schlangenfluss kommen viele Händler aus anderen Nationen hierher, um ihre Waren feilzubieten und Kunden dafür zu gewinnen. Kein Ort Amauriés ist bunter und lebhafter, lauter und voll des Wettbewerbes. Hereinspaziert, le Marché bietet alles – vom edlen Wein bis zur billigen Straßenhure!

Le Sacre Coeur

Das heilige Herz – das Herz Amauriés. Die Heimat zweier wichtiger Institutionen: die Musketiere und die Kirche Edeas. Zwei Institutionen, die sich nicht immer allzu blendend mit Heloise verstehen. Denn so wie die Musketiere dem Land dienen, dient die Kirche den Herzen des Volkes und sieht es nicht gerne, dass sich die Königin wie ein auf die Erde gekommener Engel gebärdet.
Nun … nicht alle jedenfalls – es gibt innerhalb der Mauern der großen Kirche noch immer zwei Fraktionen, von denen eine nur zu gerne Heloises Streben nach Göttlichkeit aus persönlichem Interesse unterstützt, aber dies ist eine andere Geschichte und soll an einer anderen Stelle erzählt werden.
Saint Etienne nennt sie sich, die große, über die Grenzen des Landes hinaus berühmte Kirche Edeas, in dessen Mauern ein guter Geist umhergehen soll. Der Geist des guten Geistlichen, der Edea so treu gedient hat, dass sie ihm nach seinem Tode seinen sehnlichsten Wunsch gewährt hat – für alle Zeiten über seine geliebten Kinder zu wachen, das Volk, das diese Stadt bewohnt.
Saint Etienne ist ein wundervoller, alter und ehrwürdiger Bau. Von den Künstlern mit wunderschönen Gemälden aus dem Edea Zyklus ausgestattet und mit Fenstern aus buntem Glas, durch das die Sonne hindurchscheint, wie durch Juwelen.
Ohnehin bildet Le Sacre Coeur einen scharfen Kontrast zu Heloises Prunk, denn hier wirkt alles sauber, ohne das Gold, das die Königin so sehr liebt. Es ist ein ruhiges Viertel, dafür sorgen bereits die Musketiere, deren große Kasernenanlage hier zu finden ist und durch deren Mauern man oft einen Blick auf diese edlen Recken erhaschen kann. Bäume säumen den Straßenrand und vermitteln weithin das Gefühl von Ruhe, um die große Kathedrale herum sogar das Gefühl echter Heiligkeit, anders als der nachgebildete Himmel der Königin von Mondiénne.
Doch auch hier finden sich Tavernen und Gasthäuser, auch hier kann es lebhaft zugehen und wer würde jemals die große, jährliche Parade der Musketiere vergessen, die durch diese Straßen bis zum Kirchenplatz vor Saint Etienne führt? Alles in allem ein guter Platz, um zu leben, wenn es auch ein Platz ist, der durch die Spannungen in der Kirche und die vielen Gebäude von politischer Bedeutung immer von Interesse sein wird und an dem es in naher Zukunft gefährlich werden kann.