Vhardhari

Glauben und Schicksal

Vhardhari – allein der Name klingt fremd und exotisch und wer einmal die atemberaubende Schönheit dieses Landes gesehen hat, wird diesen Anblick wohl niemals mehr vergessen können. Regenwälder von einer niemals zuvor gesehenen Farbenpracht im Osten und im Westen, Obstbäume mit kostbaren Früchten, schillernde Orchideen und Rhododendren in den Gärten der Paläste und Tempel, über denen die heilige Ruhe Jahanaras liegt, der höchsten Gottheit der Vhardhari. Doch ebenso wie das Land mit seiner vielfältigen Vegetation und der reichen Tierwelt, sind es auch die Menschen, ihre Sitten und Gebräuche und vor allem ihr Glaube, der einen Teil der Faszination ausmacht, die von Vhardhari ausgeht.
Denn in Vhardhari glaubt man an die Wiedergeburt und das Schicksal, die dicht miteinander verknüpft sind. Die Menschen Vhardharis sind nicht frei zu wählen, sie werden in das ihnen vorherbestimmte Leben geboren, in dem sie die Aufgaben zu erfüllen haben, die ihnen das letzte Leben hinterlassen hat.
Kein Vhardhari kann sich dieser Bestimmung entziehen und so sind weder die Wahl eines Berufes noch die Wahl des Gefährten aus freiem Willen möglich, denn nach dem Glauben der Vhardhari besitzt jeder Mensch mit der Stunde seiner Geburt einen Gefährten, der für seine Seite bestimmt ist und der all seine Fähigkeiten mit seinen eigenen ergänzen wird. Diese Verbindung wurde schon in einem früheren Leben geschlossen und darf niemals getrennt werden, da die Seelen beider Seiten miteinander verwachsen sind und ohne den anderen vergehen. Und allein aus dieser Verbindung dürfen Kinder geboren werden, die dem Auge Jahanaras gefallen. Abkömmlinge einer falschen Verbindung gelten in Vhardhari als unreine Ausgestoßene, die man weder sieht, noch hört und mit denen man nicht in Berührung kommen darf, wenn man nicht seine eigene Seele mit dem Makel ihrer Existenz beflecken möchte.
Es gibt kein Leben ohne Zweck, keine Existenz ohne Aufgabe und keinen Weg, seiner Bestimmung zu entrinnen. Der Glaube der Vhardhari bewegt sich in strengen Bahnen und nur derjenige, der in seinem Leben stets Gutes tut, wird in seinem nächsten Leben die Belohnung erhalten. So gelten Armut, Krankheit und Not als Strafen eines früheren Lebens, in dem der damit Gezeichnete die Missetaten vollbracht hat, für die er nun Buße tut. Dabei ist die Welt jedoch weniger in Schwarz und Weiß geteilt, als man es auf den ersten Blick glauben sollte, wird doch die Tat eines Menschen an ihrem Resultat gemessen. So muss eine schlimme Handlung keinen Makel bedeuten, wenn sie aus Gründen begangen worden ist, die zum Wohle aller beitragen.
Ein Vhardhari kann in seinem Leben nichts erreichen, um sein Los zu verbessern. Er ist, wozu er geboren wurde und darf es nicht wagen, sein Schicksal infrage zu stellen, da allein der Versuch, etwas anderes zu sein, als er ist, das Gleichgewicht der Welt stören würde. Um das Gleichgewicht zu richten, müsste folglich ein anderer Mensch sein Leid auf sich nehmen und es für ihn tragen, dennoch würde diese Störung des Gleichgewichts als Makel an ihm haften bleiben und in seinem nächsten Leben erneut Not und Leiden mit sich bringen.
Und doch gibt es Strömungen im Lande des Maharaja Ishan, die sich nicht damit zufriedengeben, das Leben nach dem Willen Jahanaras und den heiligen Schriften zu gestalten. So hat sich ein geheimer Kult gebildet, der die heiligen Schriften auf eine andere Weise auslegt und der das Credo verbreitet, dass jeder Mensch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, fern von religiösen Fesseln, hat. Dieser Kult, der sich als “Die Kinder der Sonne” bezeichnet, versetzt das ganze Land in Aufruhr und schreckt auch nicht davor zurück, Anschläge auf die hohen Würdenträger Vhardharis zu verüben, die sie als die wahre Wurzel der Unterdrückung proklamieren.
Der Maharaja hat es bisher nicht vermocht, die Kinder der Sonne zum Verstummen zu bringen und man munkelt sogar, dass er selbst es ist, der hinter dem Kult steht und damit einen Weg sucht, die Zustände seines Landes zu verbessern. Denn auch wenn Vhardhari ein prächtiges Gesicht zur Schau tragen mag, so verbirgt sich dahinter das hässliche Antlitz der Armut und des Schmutzes, der beginnt, wo die Mauern der Paläste enden. Und niemand weiß dies besser als Ishan selbst, der sich in den dunklen Gassen Jharampurs besser auskennt, als es viele seiner Untertanen jemals glauben würden. Bisher ist es den Gegnern des Maharaja nicht gelungen, eine Verbindung zwischen dem Königshaus und den Kindern der Sonne zu beweisen, doch es ist sicher, dass eifrig danach gesucht wird.
Und damit enden die Sorgen des Maharaja noch lange nicht, ist es ihm und seiner Maharani Shiuli doch bisher nicht gewährt worden, einen männlichen Erben des Thrones zu zeugen. Nur eine Tochter hat das Königspaar hervorgebracht und die kleine Ishya ist schon jetzt ein lohnendes Ziel all jener, die sich oder ihre Söhne nur allzu gerne als Gegenstück der Prinzessin präsentieren möchten.
Denn die Prophezeiung der weisen Männer Jahanaras spricht davon, dass die schöne Shiuli keineswegs die Frau gewesen ist, die dem Maharaja bestimmt war und dass dem Paar somit niemals ein Sohn bestimmt sein wird. Der Maharaja und seine Getreuen versuchen alles, diese Gerüchte zu zerstreuen, würden diese doch gleichzeitig Prinzessin Ishya zu einer Ausgestoßenen machen, einer jener Unsichtbaren, die am Rande der Gesellschaft existieren müssen.
Denn eines ist gewiss – der Glaube der Vhardhari mag streng sein, doch er hält nicht jeden davon ab, seinen Vorteil zu suchen. Und Shardul, der jüngere Bruder Ishans, hat schon seit langer Zeit ein Auge auf den Thron und auf die schöne Maharani geworfen. Was würde ihn daran hindern, sein Wissen um die wahre Beziehung zwischen Ishan und Shiuli zu verbreiten? Denn liegt nicht in jedem Gerücht ein Körnchen Wahrheit? Und besagt eines dieser Gerüchte nicht, dass Shiuli die Tochter eines armen Bauern ist? Es wäre undenkbar, dass eine Frau von solch niederer Geburt an der Seite des Maharaja lebt. Wer könnte es besser wissen als Shardul, dem der Maharaja einstmals all seine Geheimnisse anvertraut hat?

Madhvara

Madhvara, das Land der Könige, Land des Wissens, Heimat weiser Männer und religiöser Führer. Die Pracht der hohen Bauten, der Paläste und Tempel, ist unvergleichlich und wer einmal die von hohen Mauern umgebenen Gärten des Palastes der tausend Sonnen in der Hauptstadt Jharampur erblickt hat, wird sein ganzes Leben lang die Sehnsucht danach in seinen Adern spüren.
Kaum eine andere Provinz Vhardharis bietet einen solch deutlichen Kontrast zwischen Reichtum und Armut, existieren doch neben diesen beeindruckenden Bauwerken aus feinstem Marmor, der in Rosatönen oder reinem Weiß schimmert, auch die schäbigen Hütten der Armen, die von einer solchen Pracht nicht einmal zu träumen wagen. Sie sind das Antlitz Vhardharis, das man zu verbergen trachtet und obgleich der Maharaja mildtätig ist und versucht, sich auch um die Armen zu bemühen, gelingt es ihm kaum, für all seine Untertanen zu sorgen, die seiner Hilfe bedürfen.
Madhvara ist bekannt für die wunderschönen Edelsteine, die in den Minen der Provinz abgebaut werden und man liebt die feinen Schmuckstücke, die daraus gefertigt werden, über alle Maßen. Doch auch als Zentrum des Wissens kennt man das Land des Maharaja und so finden sich Bibliotheken und Weise, die all jenen helfen, die nach Antworten suchen.
Die Tempel Jahanaras überstrahlen die Städte mit ihrer Pracht und locken damit diejenigen, die es nach geistiger Führung verlangt, in ihre Arme. So mag es nicht verwunderlich erscheinen, dass auch die Kinder der Sonne in Madhvara verbreitet sind und im Geheimen daran arbeiten, das Volk an ihren Lehren zu interessieren.

Deepar

Deepar, die südliche Provinz nahe des Dschungels von Kharampur, Land des kriegerischen Raja Shardul, des jüngeren Bruders des Maharaja, der seinen Blick sehnsüchtig auf den Palast der tausend Sonnen gerichtet hat.
Deepar ist bekannt für seine fähigen Krieger, deren Kampfeskunst kaum ein anderer gleichkommt, ebenso wie für seine tollkühnen Jäger, die im Dschungel nach den Elefanten jagen, deren Stoßzähne für das feine Elfenbein verantwortlich sind, das man innerhalb und außerhalb des Landes schätzt. Der Tiger, der Namensgeber Sharduls, gilt hier als heiliges Tier und es ist unter Androhung der Todesstrafe verboten, eines der stolzen Tiere zu töten, obgleich von ihnen eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Landbevölkerung ausgeht.
Man sagt, dass Shardul die Seele eines Tigers ins sich trägt, dem er in seiner Jugend begegnet ist und der ihm seine Stärke und seinen Mut verliehen hat. Manch ein Bediensteter des Palastes flüstert sogar davon, dass sich der Raja selbst in den Nächten in einen Tiger zu verwandeln vermag, doch niemand würde es wagen, eine solche Behauptung ernsthaft zu glauben.
Die Menschen Deepars besitzen grausame Züge und man sagt ihnen nach, dass sie Freude an Schmerzen empfinden können und deswegen ein hohes Maß an Schmerz zu ertragen vermögen. Diese Fähigkeit macht sie gefährlich und erklärt die tätowierten Körper, die unter den Männern des Volkes überaus beliebt sind.
Die Provinz Sharduls, der von der Hauptstadt Yamai aus über sein Land regiert, ist unter den Vhardhari kaum beliebt und in neuerer Zeit haben sich Gerüchte über einen geheimnisvollen Assassinenorden verbreitet, der im Namen der niederen Gottheit Ishwar Morde begeht. Diese Morde versetzen ganz Vhardhari in Aufruhr und man befürchtet, dass Maharaja Ishan in näherer Zukunft einem ihrer Anschläge zum Opfer fallen könnte.

Nhandhara

Nhandhara, die nördliche Provinz Vhardharis, leichtlebig und schön, besiedelt von Menschen, die niemals ihren Frohsinn zu verlieren scheinen. Nhandhara gilt als das kulturelle Zentrum Vhardharis, werden hier doch die schönen Künste, die Musik, der Gesang und der Tanz über alle Maßen geliebt. Es ist das Land der Poesie und der Leichtlebigkeit, in dem wundervolle, farbenfrohe Stoffe und Seide produziert werden, die man über die Grenzen Vhardharis hinaus schätzt. Kunstvolle Stickereien zieren die Stoffe, die auf den Märkten zum Kauf angeboten werden und man sagt, dass die Frauen Nhandharas die schönsten Frauen Vhardharis sind, zartgliedrig und in die feine Seide gekleidet, die sie selbst weben.
Besonders beliebt sind die rituellen Tänze zu Ehren Jahanaras, die in der Nacht der Wende zwischen Frühling und Sommer beginnen und zu denen selbst der Maharaja aus Madhvara anreist, um in dem Palast der Blumen zu residieren. Die Festlichkeiten erstrecken sich dabei über einen Monat, in dem traditionell Frohsinn und Liebe regieren. Im Allgemeinen werden in dieser Zeit die meisten Kinder gezeugt, dies gilt jedoch auch für die Unsichtbaren, da die Stricke der religiösen Hemmungen nicht selten vorübergehend gelöst werden. Bereits die Tempel mit den erotischen Darstellungen der Liebeskunst legen Zeugnis davon ab, dass Nhandhara kaum keusch zu nennen ist, dafür jedoch den Duft der Freiheit aus allen Poren ausströmt.
Doch Nhandhara besitzt auch ein anderes Gesicht, denn es ist nicht allein die Kunstfertigkeit, die das Land regiert, es ist auch die Kunst der Magie, über die Instrumente gewirkt, deren Klang Mensch und Tier zu beschwören vermag und die ein Wesen dem Willen des Musikanten unterwirft, wenn er es wünscht. Das lächelnde Gesicht eines Nhandhari kann zweierlei Facetten besitzen, und wenn er Sitar oder Flöte bei sich trägt, ist stets eine gewisse Vorsicht angeraten.
Auch der Klingentanz, den die Männer Nhandharis bei allerlei Festlichkeiten aufführen, ist eine gefährliche Spielerei, eine Machtdemonstration in seidenen Gewändern, der eine uralte Kampfeskunst zugrunde liegt. Man sagt, dass Raja Dhanesh, der von der Hauptstadt Bharama über die Provinz wacht, ein wahrer Meister dieser Kunst sein soll, die in Nhandhara von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Sankar

Sankar, das Land der Düfte und der Blumen. Ein betörender Duft scheint stets in der Luft dieser Provinz zu liegen, die ein Meer aus Blüten, Pflanzen und Farben in den Osten Vhardharis malt. Hier wird der feine Tee angebaut, den die Menschen Terra Edeas lieben gelernt haben, ebenso wie die kräftigen Farben, die man aus den in Sankar beheimateten Pflanzen gewinnt.
Sankar ist ein ruhiges Land, das tief in den Vhardhari Traditionen verwurzelt ist und in dem der Glaube an Jahanara eine wichtige Rolle spielt. Diese Rolle geht jedoch so tief, dass es in Sankar mittlerweile überaus häufig zu den Selbstverbrennungen der Witwe kommt, wenn ihr Mann den Tod findet. Diese Praxis ist zwar in allen Bereichen Vhardharis existent, allerdings ist in es Sankar in der letzten Zeit immer öfter zu Fällen gekommen, in denen ein solches Handeln von der Bevölkerung verlangt und mit allen Mitteln durchgesetzt worden ist.
Diese Entwicklung und das Aufkeimen eines religiösen Übereifers machen dem Maharaja Sorgen, obgleich Raja Bindusar ihm versichert hat, dass bei den Verbrennungen alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Trotzdem schenkt der Maharaja ihm keinen Glauben und hat einen Spion an den Hof des Raja gesandt, um die Geschehnisse zu untersuchen.
Raja Bindusar herrscht von der Hauptstadt Hirani aus über das Volk Sankars, genießt allerdings seit einiger Zeit den Ruf, sein eigenes Wohlergehen stärker im Auge zu haben, als die Interessen seines Volkes.
Doch über den religiösen Eifer hinaus scheint der Glaube dem Volk Sankars nahezu magische Kräfte zu verleihen, denn die Darbietung besonderer Kunststücke, die angeblich auf der Reinheit des Glaubens beruhen und die unter anderem Bretter aus spitzen Nägeln beinhalten, hat sich über die Märkte der Provinz ausgebreitet wie die Feuer, über die diese durchgeistigten Männer zu laufen vermögen. Ob es sich dabei jedoch tatsächlich um die Macht des Glaubens oder um Tricks handelt, ist ungewiss. Beinahe möchte man an eine Organisation glauben, die ihre Kunststücke zur Schau stellt, um dabei einige Goldstücke zu verdienen und weniger an die Wunder, als die sie angepriesen werden.

Hresha

Hresha, das verbotene Land. Hresha, dessen Existenz nicht geheim ist, aber dennoch nicht anerkannt wird. Hresha ist das Land der Unsichtbaren, die Heimat der Verstoßenen, die sich hier versammelt haben, um dem Fluch ihres Daseins zu entrinnen.
Niemand in Vhardhari redet über Hresha und doch ist es vorhanden, stellt sogar eine Gefahr dar, denn es ist die Basis all jener, die sich eine bessere Zukunft wünschen und die nicht an die Macht der Reinkarnation glauben wollen, wenn sie dafür ein Leben voller Leid fristen müssen.
Und so ist das verbotene Land ein schwarzer Fleck auf der Karte Vhardharis, ein Ort, den niemand sehen will, aber dessen Präsenz einem brodelnden Kessel gleichkommt, der überzulaufen droht. Es sind keine Städte, die in den Tiefen des Kurmanigebirges entstanden sind, eher Lager in den tiefen Höhlen der kalten Felsen, die ihren Bewohnern Schutz und Heimat bieten. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen Hreshas nach mehr verlangen.
Das gewählte Oberhaupt der Hreshani ist eine Frau, die der Königsfamilie nahe steht, das Blut des alten Maharaja Akash in ihren eigenen Adern trägt und von ihm selbst zu einer der Verstoßenen gemacht worden ist – Lali, eine seiner Bastardtöchter, eine Halbschwester des Maharaja, die es nach Gerechtigkeit verlangt. Rani Lali nennt man sie, Königin Lali, die Frau, die den Hreshani einen Namen gegeben hat, der sie über die Unsichtbarkeit erhebt, und die sie in die Freiheit führen soll. Und wer in Lalis dunkle Augen geblickt hat, einmal ihre dunkle Stimme gehört hat, die selbst einen Berg davon zu überzeugen vermag, vor ihr zu weichen, wird es niemals wagen, daran zu zweifeln, dass sie ihre Ziele mit aller Macht verfolgen wird.