Die Wertiger von Deepar

Die Welt von Terra Edea ist vollgestopft mit Mythen über Wesen, denen man niemals in seinem Leben zu begegnen wünscht. Vampire in Anatolja, Feenwesen auf den Smaragdinseln, uralte Mumien in Theoris, Drachen auf den Dracheninseln oder Menschen, die ihre Gestalt in die eines Tieres verwandeln können. Jede Kultur besitzt solcherlei Geschichten und Überlieferungen und eine dieser Mythen stammt aus dem fernen und exotischen Vhardhari, besser gesagt, aus der südlichen Provinz Deepar, wo man sich Geschichten erzählt über Menschen, die den Verlockungen des Dschungels erlegen sind und einen Teil ihrer Seele mit der eines wilden Tigers getauscht haben. Man nennt sie Kuadharahi oder einfach Wertiger.
Vor vielen, vielen Jahren, so besagen es die Legenden, zog der Sohn eines schon fast in Vergessenheit geratenen Rajas namens Dhalkhar, durch den Dschungel von Kharampur. Er war mit seinen Dienern auf der Jagd nach einer wilden, menschenfressenden Bestie, einem Tiger. Zwei Dutzend Menschen hatte der blutrünstige Jäger aus den naheliegenden Dörfern geholt. Einen nach dem Anderen verspeist und die Bevölkerung hatte sich an den Fürstensohn mit Namen Sriram gewandt, der als äußerst geschickter Jäger bekannt war. Zu dieser Zeit war der Tiger noch kein geschütztes Tier der Wildnis in Deepar. Niemand verehrte den gestreiften Jäger aus den Tiefen des Dschungels und ebenso wenig kam es den Bewohnern der Provinz in den Sinn, diese mächtige und große Raubkatze als heiliges Tier zu sehen.
Sriram zog mit einigen Gefolgsleuten in den Dschungel und nahm die Verfolgung des Menschenfressers auf. Dieser hatte sich keinerlei Mühen gemacht, seine blutige Spur zu verschleiern. Im Gegenteil, es war kein Problem für die Jäger, der Spur des Tigers zu folgen.
Sriram glaubte an einen schnellen Erfolg der Mission und er drängte auf eine schnelle Verfolgung um so viel Entfernung vor Anbruch der Nacht zu schaffen, wie es nur möglich war. Denn eines ist gewiss, der Dschungel war bei Nacht noch viel gefährlicher als am helllichten Tage, denn es gab nicht nur Tiger, nein, der Dschungel verbarg noch viele andere Gefahren. Als die Nacht einbrach, schlug die Jagdgruppe ihr Lager auf, Wachen wurden eingeteilt und schon bald schlief der Fürstensohn Sriram friedlich ein, nur um kurz nach Mitternacht von einem durch Mark und Bein gehenden Schrei geweckt zu werden. Panik brach aus, wildes Gebrüll durchdrang die Nacht, grüne, leuchtende Raubkatzenaugen durchbohrten die Dunkelheit, Krallen, so scharf wie Säbel, rissen schreckliche, tiefe Wunden und beendeten das Leben der gesamten Gefolgschaft des Fürstensohnes. Dann kehrte Stille ein und Sriram war alleine, nur das Feuer leistete ihm Gesellschaft.
Angst durchfuhr den jungen Mann. Er hatte schon viele Male den Dschungel erkundet, auch mehrere Tiger gejagt und zur Strecke gebracht, diese Jagd aber machte ihm Angst und er hatte wahrlich Grund dafür. Angst. Tief drang sie in seinen Geist ein und sie wurde schlimmer. Das Brüllen des Tigers durchzuckte die Nacht wie ein Blitz den Himmel, gepaart mit dem Krachen des Donners. Ein Rascheln hier, ein Rascheln dort. Ein großer Körper, mächtig und stark, schritt durch das Dickicht, machte sich gar keine Mühe, Geräusche zu vermeiden. Sriram schrie in die Nacht: “Komm heraus du Bestie, stell dich zum Kampf, ich fürchte dich nicht!” Nur ein Brüllen schallte ihm als Antwort entgegen und dann kam die Bestie über den Fürstensohn wie ein Orkan.
Eine gewaltige Gestalt, aufrecht gehend wie ein Mensch, grüne Augen, welche ihre Beute fixierten, sprang Sriram entgegen. Der Körper war muskulös, geschmeidig, besaß das Fell eines Tigers. Da, wo die Hände waren, befanden sich mächtige Pranken, deren Krallen ein- und ausfuhren. Blutig waren sie und Sriram war sich bewusst, wenn sie ihn trafen, war er tot. Der Kopf, welcher auf den Schultern ruhte, war der eines Tigers, ein Schwanz zuckte hinter dem Rücken hervor. Etwa einen Meter hielt die Bestie vor dem Fürstensohn an und musterte ihn. Die monströse Gestalt überragte den Mann um gut zwei Köpfe und war damit weit über zwei Schritt hoch. Dann öffnete sie ihr Maul. Reißzähne, so groß wie Dolche, blitzten im Licht der Sterne auf. Dann ging alles sehr schnell. Ein Sprung, ein Biss, Sriram verlor die Besinnung.
Monate später kehrte der Fürstensohn in seine Heimat zurück. Er wirkte verändert, die Jagd hatte ihn gezeichnet. Der Biss der Bestie hatte eine Veränderung in ihm hervorgerufen, von welcher er keinerlei Ahnung hatte. Bis nach etwa einem halben Jahr später, er das erste Mal den Ruf des Dschungels verspürte. Heiß durchzuckte es ihn. Seine Sinne wurden schärfer.
Die Nacht war auf einmal hell wie ein sonniger Tag für ihn. Seine Nase konnte die Menschen riechen. Ihr süßes Fleisch, ihre Ausdünstungen, Schweiß, Blut und andere Körpersäfte und es wuchs ein Verlangen in ihm, welches ihn mit Furcht erfüllte. Hunger! Gier! Unkontrolliert durchzuckten diese beiden Gefühle seinen Körper und etwas beantwortete sie. Sriram lief in den Dschungel, riss sich die Kleidung vom Leib und auf einer Lichtung, inmitten des fahlen Lichts des vollen Mondes, begann die Transformation in etwas, das dem Ruf des Dschungels folgte.
Schmerzen durchzuckten den Körper des Fürstensohnes, grausame Schmerzen. Sein Körper veränderte sich, wuchs zu etwas, dass nicht Mensch und nicht Tier war, sondern eine hybride Form darstellte. Die gelungene Mischung aus Bestie und Mensch. Lautstark war das Brüllen, der Ruf der Natur unermesslich groß und der Hunger grenzenlos. Die Jagd begann, eine neue Bestie war erwacht!
So berichtet die Legende von der Verwandlung des Fürstensohnes Sriram in einen Wertiger, eine Bestie in menschlicher Gestalt, dazu verdammt, das Fleisch der Menschen zu fressen, seine Macht zu nutzen, um die Tiger zu schützen und dem Menschen in regelmäßigen Abständen, meist bei Vollmond, die Furcht vor den Tiefen des Dschungels aufzuzeigen. Doch was ist der Wertiger genau? Wenn man den Berichten aus den gesammelten Quellen Glauben schenkt, so ist er ein Mensch, welcher von einer Kreatur gebissen wurde, die in den Tiefen des Dschungels geboren wurde oder sogar einen Fluch der alten Götter Vhardharis darstellt, um den Menschen die Grenzen ihrer Existenz aufzuzeigen. Oder ist es sogar beides vereint?
Wertiger sind bei Tage ganz normale Menschen, vielleicht etwas stärker und geschmeidiger, als der normale Bewohner des großen Landes, aber nichts zeigt dem Beobachter, dass sie in ihrem Inneren etwas Übernatürliches beherbergen. Die Seele des Tigers kommt erst bei Nacht zum Vorschein. Der Körper verwandelt sich, wächst auf über zwei Meter, gestreiftes Tigerfell bedeckt den gesamten Körper, Muskeln und Sehnen voller Kraft treten hervor, der Kopf wird der eines Tigers, das Maul vollgestopft mit Zähnen, die mühelos mit einem Biss das Leben eines Sterblichen beenden können. Pranken, so stark, und gepaart mit mörderischen Krallen, welche einen Büffel mit einem Schlag erlegen können. Die Kraft der Natur kombiniert mit der Intelligenz des Menschen und dem Geist des Bösen. Hinzu kommen übernatürliche Fähigkeiten. Die Wertiger besitzen Macht über die Säugetiere des Dschungels, insbesondere Katzen aller Art gehorchen ihnen und werden ihnen jegliche Hilfe zukommen lassen, die ihnen möglich ist. Der Wertiger ist im Besitz von extremen Kräften der Sinneswahrnehmung. Die Dunkelheit der Nacht ist für ihn nicht existent, seine Nase kann einen Geruch über viele Kilometer verfolgen. Sein Körper, wenn er es will, hinterlässt keine Spuren im Dschungel. Sein Fell verleiht ihm die Fähigkeit, mit dem Dschungel zu verschmelzen und seiner Beute aufzulauern. Die Sprungkraft des Wertigers ist legendär, ein Sprung aus dem Stand von zehn Schritt ist kein Problem für diese wilde Kreatur. Normale Waffen sind nicht in der Lage, einen Wertiger zu töten. Dazu kommt noch eine Art sechster Sinn, eine übernatürliche Wahrnehmung, die auch in menschlicher Gestalt funktioniert. Wertiger können Emotionen spüren, Reaktionen ihres Gegenübers erahnen und sich diesen Vorteil zunutze machen. Sie sind die Perfektion des Jägers!
Aber trotz all ihrer Stärken und Kräfte besitzen Wertiger glücklicherweise einige Schwächen. Waffen aus gesegnetem Silber sind in der Lage, ihr Fell zu durchbohren und ihr Leben zu beenden, wenn das Herz getroffen wird. Das Gift der Kobra fügt ihnen Schmerzen zu und Kobras greifen einen Wertiger, ohne lange zu zögern, direkt an. Dies beruht auf einer Feindschaft zwischen dem Wertiger und den Herren der Schlangen, den Naga. Aber über diese Feindschaft berichte ich ein anderes Mal.
Ein geübter Kämpfer, wenn er denn die nötige Kraft besitzt, könnte einen Wertiger erwürgen, da dieser trotz all seiner Kräfte Luft zum Atmen benötigt. Feuer verbrennt einen Wertiger wie jedes andere Wesen auch auf Terra Edea. Den Fluch des Wertigers kann man nicht brechen, nur der Tod der Kreatur ist das einzige Heilmittel.
Aber nicht alle Wertiger sind unbedingt böse Wesen der Nacht. Es soll in den Tiefen des Dschungels von Kharampur einen besonderen Wertiger geben. Sein Fell ist weiß wie der Schnee und der weiße Tiger von Deepar ist, im Gegensatz zu seinen Artgenossen, ein Kämpfer des Guten. Nur weiß natürlich niemand, ob dies der Wahrheit entspricht. Man munkelt, dass der Raja von Deepar ein Wertiger sein soll. Es würde seinem Naturell entsprechen. Ist er doch ein äußerst machtvoller Fürst, der die Kunst des Krieges im Schlaf beherrscht und über enorme Kampfeskraft verfügt. Ob dieses Gerücht der Wahrheit entspricht, kann man nicht genau beantworten. Shardul sagt natürlich Nichts zu diesen Legenden, die sich um seine Person ranken. Warum auch? Erfüllen sie doch so manchen Gegner mit großer Furcht vor ihm und wenn es wirklich der Wahrheit entspricht, dass er eine reißende Bestie in Menschengestalt ist, so hat er dies sehr erfolgreich verschleiert.
Somit schließe ich für dieses Mal das Kapitel über die Mythen und Legenden Terra Edeas. Man sollte immer bedenken, dass trotz aller Schönheit und Wunder der Welt, jede Kultur auch Schrecken und Horror für den Menschen birgt. Und ich bete für alle Sterblichen, dass sie niemals in die Verlegenheit geraten, einem dieser Schrecken zu begegnen!

- Rhaaz Neftari – Chronist des Raja von Madhvara -