Das Collier – Teil 4

Missbilligend streifte mein Blick eine halb leere Weinflasche, die neben dem König stand, bis er schließlich auf ihm selbst zum Ruhen kam. James war in einem Zustand, den man nicht oft an ihm wahrnehmen konnte und den ich bisher selbst nur selten zu Gesicht bekommen hatte. Sein blondes Haar war ungekämmt und strebte in die unterschiedlichsten Richtungen, sein zerknittertes, weißes Hemd stand über der Brust offen und steckte nur nachlässig in der engen, dunklen Hose, was eher einem Piraten angemessen schien, als einem König. Ein wildes, wütendes Funkeln lag in seinen Augen, unter denen der mangelnde Schlaf dunkle Ringe hinterlassen hatte.
Ich gab mir keine Mühe, die Tür leise zu verschließen und ließ sie mit einem lauten Knall in das Schloss fallen, bevor ich den Riegel nach vorne schob, um ungebetene Gäste am Zutritt zu hindern. Allerdings hegte ich keine Zweifel daran, dass Sir Henry es nicht dazu kommen lassen würde. James fuhr zusammen und ließ einen Blitz aus seinen blauen Augen auf mich herniedergehen, was mir jedoch keinerlei Kopfschmerzen verursachte. Mein höfischer Knicks war weder ehrerbietig noch ehrlich und dies wussten wir beide.
“Ihr habt mich rufen lassen, Eure Majestät? Also, hier bin ich und erwarte untertänigst Eure Anweisungen. Allerdings kann ich nirgends den versprochenen Tee sehen.”
Erneut traf mich ein strafender Blick aus den königlichen Augen, bevor der König auf einen Sessel wies und ich mich folgsam darauf niederließ.
“Lasst das, Catherine. Ihr wisst so gut wie ich, dass keiner von uns beiden sich mit müßigen Teestunden aufhält und das ich Euch nicht deswegen gerufen habe.”
Seine Stimme klang rau und schwer von dem Genuss des Alkohols, allerdings war er nicht betrunken oder zumindest nicht so betrunken, wie er es sich wohl gewünscht hatte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und blickte James kühl an, bevor ich meinerseits zu einer Antwort ansetzte.
“Oh, das habe ich auch nicht erwartet. Also? Aus welchem Schmutzloch muss ich Euch diesmal ziehen? Geschwängert habt Ihr das Mädchen offenbar nicht, wenn ich richtig informiert bin. Welche Hinterlassenschaft dieser Affäre macht Euch also zu schaffen?”
In James’ wütenden Blick mischte sich eine Art jungenhafte Verlegenheit und beinahe empfand ich eine Spur von Mitleid für den jungen König, der es so meisterhaft verstand, sich und sein Reich in Schwierigkeiten zu bringen. Ich merkte ihm deutlich an, wie unangenehm diese Situation für ihn war, und konnte nicht umhin, mich trotz des offensichtlichen Ernstes der Lage innerlich darüber zu amüsieren.
“Es ist nicht so, wie ihr denkt. Verdammt, Catherine! Die Lage ist ernst, also versucht nicht, mich wie einen kleinen Jungen zu behandeln, der bei einem albernen Streich ertappt worden ist.”
Natürlich war ich nicht älter als der König – sogar jünger an Jahren, wenn man es genau nahm, doch ich hatte ähnliche Situationen schon so oft erlebt, dass ich Schwierigkeiten damit hatte, James ernsthaft gegenüberzutreten. Ich räusperte mich vernehmlich, um die Spuren meines Amüsements zu verdrängen, bevor ich mich in der Lage sah, das Wort an ihn zu richten.
“So? Wie ist die Situation denn dann? Wenn ich mich nicht täusche, konntet Ihr nicht umhin, der hübschen Prinzessin Isabella schöne Augen zu machen, während ihr nichts ahnender Mann seine Zeit lieber in den königlichen Stallungen zugebracht hat. Ich denke, dass daran kein Zweifel bestehen kann? Oder habe ich ein wichtiges Detail übersehen und die Prinzessin hat ohne jegliche Aufforderung ihre Kleider für Euch fallen lassen und Euch gegen Euren Willen überwältigt?”
James sah für einen langen Augenblick zur Decke empor und atmete tief und vernehmlich aus, als könne er von den Fresken und dem schillernden Leuchter Hilfe erwarten, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder zu mir und musterte mich seinerseits.
Ich hatte mich noch nie wohlgefühlt, wenn James mich auf diese Weise ansah, so als sei ich vollkommen nackt und schutzlos und so verlagerte ich nervös mein Gewicht und hoffte, dass man es mir nicht allzu deutlich anmerken würde.