Das Collier – Teil 5

“Nein, Ihr habt nichts übersehen, Catherine. Wie üblich. Ich wünschte nur, Ihr würdet Eure Beobachtungen weniger drastisch zur Sprache bringen und mich dabei nicht ganz so schlecht darstellen.”
Ironisch wanderte eine meine Brauen in die Höhe und ich erhob mich von meinem Sessel, um aus dem geöffneten Fenster in jenen kleinen geheimen Garten zu blicken, den sicherlich auch die Prinzessin kennengelernt hatte.
“Es ist schwer, die Wahrheit zu beschönigen, James. Und ich bin es leid, Eure Spuren zu verwischen und mir danach Eure Versprechen anzuhören, dass es das letzte Mal gewesen ist. Also, was ist diesmal geschehen? Sir Henry wirkte sehr besorgt und das bedeutet nichts Gutes. Was ist es also, das die Beziehung zu Torego so sehr belasten könnte, dass es einen gestandenen Ritter beunruhigt?”
Ich hörte, wie sich der König hinter mir ebenfalls erhob und sich mir näherte, bis er aus dem Fenster in den Garten hinabblicken konnte. Sein Atem berührte meinen Nacken wie ein sanftes Streicheln und ich schloss für einen Moment die Augen, während meine Finger unwillkürlich nach dem Medaillon suchten, um Erinnerungen zu verdrängen, die ich in diesem Moment nicht durchleben wollte. James Stimme riss mich wieder in die Wirklichkeit zurück und ich legte meine Hand stattdessen auf den kühlen Stein Stormhavens, der sich beruhigend wirklich anfühlte.
“Die Prinzessin hat mir ein kleines Geschenk hinterlassen. Nichts von überragendem Wert, nein, aber es ist dennoch als etwas erkennbar, das sie bei Hofe getragen hat und dem wohl ein gewisser Wert in ihrer Familie anhaftet. Ein Geschenk ihres Bruders, wenn ich mich nicht täusche. Nun, es war töricht von mir, dieses Geschenk anzunehmen, doch sie bestand darauf und verlangte von mir, es gut zu bewahren …”
Er brach ab und ich nickte verstehend, beendete den Satz für ihn.
“Und nun ist dieses Geschenk aus Eurem Besitz entwendet worden und Alviona und Euer Ruf könnten weitaus mehr darunter leiden, als unter den üblichen Geschichten, nicht wahr?”
Ich spürte sein Nicken eher, als dass ich es sah, und drehte mich nicht zu James um, während ich weitersprach.
“Es war dumm von Euch, dieses Geschenk anzunehmen, James. Dass es nun verschwunden ist, könnte alles bedeuten – es könnte eine Schliche Toregos sein, um eine Rechtfertigung für Streitigkeiten zu erlangen. Es könnte auch einer Eurer zahlreichen Feinde bei Hofe gewesen sein … die Möglichkeiten sind vielfältig und gefährlich, wenn die Prinzessin nicht geistesgegenwärtig reagieren kann – oder will …”
Ich sprach das Offensichtliche aus, nicht mehr und nicht weniger und es war mir bewusst, dass James dies ebenso wusste wie ich selbst. Wieder spürte ich seinen warmen Atem über meinen Nacken streifen, bevor seine Hände meine Schultern umfassten und mich zu ihm herumdrehten.
Ich blickte in die blauen Augen des Königs, die mich flehend anblickten, und war mir des knappen Abstandes zwischen uns plötzlich körperlich bewusst. Mein Atem ging schneller, als er schließlich den Mund öffnete um seiner Bitte einen hörbaren Ausdruck zu verleihen.
“Bitte Cat. Ich brauche dich. Du bist die einzige Person in diesem verfluchten Palast, der ich vertrauen kann.”
Cat. Ich atmete tief und mit schmerzendem Herzen ein, als er die Koseform meines Namens wählte, die nur zwei Menschen jemals ausgesprochen hatten, und löste mich von ihm, als Tränen in meine Augen traten und ich seine Berührung nicht mehr länger ertragen konnte. Zu viele Erinnerungen strömten auf mich ein und lähmten mich, machten es mir unmöglich, ihm zu antworten, bis einige Momente vergangen waren und sich die Gefühle wieder gelegt hatten. Teilnahmslos blickte ich erneut aus dem Fenster und meine eigene Stimme klang fremd in meinen Ohren, als ich endlich Worte fand und dem König die Antwort gab, die ich ihm schuldete.
“Ja, James. Ich werde tun, was ich kann. Wie immer.”