Drachenblut – Teil 1

- Ein sehr kurzes, sehr altes Kurzgeschichtchen über Helena, die Dame mit dem lebendigen Drachentattoo aus Falkenland. Eigentlich würde ich diese Figur bei Gelegenheit gerne weiter entwickeln und ihre Geschichte mit dem ersten Vampir, Victor Serban, erzählen, da Helena mir sehr am Herzen liegt. Für den Moment bleibt es aber wohl erstmal bei dieser Handvoll Zeilen.
Hat mal irgendjemand einen Eimer Zeit für mich übrig?! Nein? Schade … -

Es war noch früh am Morgen und die Sonne hatte gerade erst damit begonnen, sich einen Weg durch die geschlossenen Fensterläden des Gasthauses “Zum springenden Hirsch” zu suchen, in dem Helena Winterberg, die Märchensammlerin, langsam erwachte.
Schlaftrunken öffnete die goldblonde Frau ihre blauen Augen und ließ den noch trüben Blick durch ihr Zimmer wandern, lauschte dem regelmäßigen Atem des Mannes, der neben ihr in den Laken des duftenden Holzbettes lag und noch immer im Reich der Träume gefangen war.
Mit einem beinahe zärtlichen Blick ließ sie ihre Augen über seinen nackten Rücken gleiten, der sich bei jedem Atemzug hob und senkte und bewunderte das Spiel der Muskeln unter der von der Sonne gebräunten Haut, hob langsam die Hand, um sie zu berühren, um sie dann wieder sinken zu lassen. Welchen Sinn hatte es, ihn aufzuwecken, wenn der Abschied ohnehin schmerzlich werden würde? Nein, es war besser, einfach zu verschwinden, ohne dass er es bemerkte.
Ein kurzer, feiner Schmerz durchzuckte das Herz der Falkenländerin, als sie den Mann mit dem dunklen Haarschopf betrachtete, mit dem sie in den letzten Wochen, in denen sie sich in Stolzenburg aufgehalten hatte, das Bett geteilt hatte. Bedauern breitete sich in ihr aus, lähmte sie in ihrem Entschluss.
War es wirklich richtig, zu gehen? Es war selten, dass sie einen Mann traf, der sich von dem Drachen auf ihren Schultern nicht erschrecken ließ, der in das smaragdgrüne Auge dieses Wesens blicken konnte und seine Stimme vernahm, ohne aus ihrer Nähe zu fliehen. David hatte sich nicht von den Geschichten über Helena verschrecken lassen. Er war an ihrer Seite geblieben und hatte nicht darauf gehört, was andere über sie flüsterten, wenn sie vorüberging. Das Drachenblut in ihren Adern hatte geschwiegen und sie war länger geblieben, als beabsichtigt, obwohl sie alle Geschichten niedergeschrieben hatte, die das Örtchen hergab.
Aber nun war es Zeit, weiterzuziehen und andere Länder kennenzulernen, den Geschichten zu entkommen, die man sich über sie erzählte und die sie zu einer übernatürlichen, furchterregenden Kreatur machten. Hätten sie die Wahrheit gekannt, es hätte sie womöglich in Erstaunen versetzt. Doch Helena hatte nicht die Absicht, sie jemals zu erzählen, denn der Schwur, den sie dem Land geleistet hatte, war heilig.
Auch David würde an ihrer Seite weder Ruhe noch Glück finden. Er würde die gleiche Ablehnung erfahren und es würde den lebenslustigen jungen Mann irgendwann zerstören und nur eine leere Hülle zurücklassen. Ihre Mission war nicht die Seine.
Leise erhob sich die Märchensammlerin aus ihrem Bett und der goldene Drache auf ihrem Rücken leuchtete in den ersten Sonnenstrahlen auf und streckte sich, nun ebenfalls erwacht, während sie sich anzukleiden begann. Langsam öffnete er die smaragdenen Augen, um sich umzusehen.
„Ist es Zeit, weiterzuziehen, Drachenblütige?“
Die raue Stimme erklang in Helenas Kopf und sie antwortete ihr ebenso stumm, darauf bedacht, den schlafenden Mann nicht aufzuwecken, während sie ihre Habseligkeiten zusammensuchte und den Gurt des Rapiers um ihre Hüfte schlang.
„Ja, es ist Zeit. Die Welt und ihre Geschichten warten auf uns. In Falkenland gibt es keinen Platz mehr für dich und mich. Wenigstens für eine Weile.“
Sie spürte, wie der Kopf des Drachen nickte und sich sein Blick fragend auf David richtete, der von diesem stillen Gespräch nichts hören konnte. Mechanisch antwortete sie auf die unausgesprochene Frage und war selbst erstaunt über den Schmerz, der ihre innere Stimme bewegte.