Drachenblut – Teil 2

„Nein, er kommt nicht mit uns. Er würde es nicht verstehen.“
Der Drache nickte stumm und schwieg. Helena, die ihre Vorbereitungen beendet hatte, richtete den Blick noch einmal auf den schlafenden Mann, der schon bald erwachen würde, und sie dann nicht mehr an seiner Seite fand. Ein leises Seufzen drang zwischen ihren Lippen hervor, als sie zu ihm hinüber ging und sich hinab beugte, um ihn ein letztes Mal zu küssen, bevor sie in Richtung der Tür verschwand. Die Stimme, die in ihrem Rücken erklang, ließ sie erschrocken innehalten.
„Du gehst also. Ich habe es erwartet, seitdem ich dich zum ersten Mal gesehen habe, doch ich dachte, du würdest mir dabei in die Augen sehen.“
Mit klopfendem Herzen drehte sich Helena zu ihm um, eine Hand noch immer an dem Rahmen der Tür, die sie gerade hinter sich hatte schließen wollen. Zögern breitete sich in ihrem Herzen aus und ließ sie unschlüssig werden, als die dunklen Augen des Falkenländers sie traurig, jedoch ohne einen Vorwurf anblickten.
„Ich kann nicht bleiben und du kannst nicht mit mir kommen.“
Es war eine nüchterne Feststellung, die Helena traf und trotzdem zweifelte sie in diesem Moment an der Richtigkeit ihrer Aussage. David erhob sich und trug die Decke um seine Hüfte geschlungen, als er sich der Märchenerzählerin näherte, die keine Gefühlsregung auf ihrer Miene zuließ.
„Bist du dir so sicher, Helena? Vielleicht wäre ich mit dir gekommen und wir hätten Terra Edea gemeinsam bereist, um die Geschichten aller Völker zu sammeln. Wie kannst du es wissen, wenn du mich niemals gefragt hast?“
Davids Stimme war leise und der raue Unterton darin ließ die Falkenländerin erschauern. Sie bewegte sich nicht, als er sanft über ihre Wange strich und sie dann an sich zog, um sie noch einmal zu küssen. Helena schmiegte sich an den Mann, der ihr noch einen Augenblick der Wärme schenkte, bevor sie alleine hinausgehen würde und über die Straßen des Falkenlandes verschwand. In die Fremde, wohin der Wind sie auch tragen wollte. Schließlich löste sich David von ihr und sah sie noch einmal aus seinen dunklen, rätselhaften Augen an.
„Ich weiß nicht, was das Schicksal für uns bereithält, doch ich weiß, dass du nicht bleiben kannst. Vielleicht werden sich unsere Wege noch einmal kreuzen, wer weiß? Und dann bleibt immer noch genügend Zeit, um herauszufinden, ob eine gemeinsame Zeit vor uns liegt. Doch nun geh, Drachenblütige. Geh und such dein Schicksal. Ich werde dich finden, ganz gleich, wohin du gehst.“
Mit diesen Worten wandte er sich ab und Helena wartete nun nicht mehr länger, sie drehte sich um und durchschritt die Tür, zahlte dem Wirt, was sie ihm schuldig war, ohne wirklich zu bemerken, was sie tat. Es war Zeit zu gehen, wenn ein Mann ihr Herz berühren konnte, zu sehr würde es ihr Geheimnis in Gefahr bringen.
Und so schritt sie hinaus in die neue Sonne des Tages, ließ ihren Blick über die grünen Weinberge gleiten. Sie betrachtete für einen Moment die Schiffe, die über den Klarwasser segelten, weit in die Ferne, hinaus aus Falkenland, jenem märchenhaften Reich mit seinen dunklen Wäldern und seinen verzauberten Seen, den uralten Geheimnissen und den mythischen Wesen, die darin hausten und von deren Existenz nur wenige etwas ahnten. Doch Helena wusste um sie und sie würde ihr Versprechen niemals brechen. Aber bevor sie zurückkehrte, war es Zeit, nach den verzauberten Gestalten der anderen Nationen zu suchen und ihre Geschichte in ihr großes, ledergebundenes Buch einzutragen, auf das sie niemals vergessen wurden. Schließlich war sie selbst eine davon.