Fleur – Teil 1

- Oh je, an Fleur hänge ich ähnlich stark wie an Lukrezia. Aber irgendwie scheint sie mir zu einer Rolle als Nebenfigur verdammt, die nie so ganz zum Zug kommt. Dabei würde sie eine recht interessante und wahrscheinlich tragische Heldin abgeben, wenn sie in ihrer eigenen Geschichte spielen dürfte.

Auch dies ist nur ein Fragment, eine unfertige Geschichte, die nie fortgesetzt worden ist. -

Manchmal, wenn ich am Morgen in den Spiegel blicke, weiß ich selbst kaum mehr, wer ich wirklich bin. Das Gesicht von Estelle de Lovaille sieht mir dann entgegen, ohne die Maske, die Fleur d’Auriée zu jenem geheimnisvollen Stern am Hofe der Königin Heloise macht. Zu deutlich sehe ich dann das Mal auf meiner Stirn, die kleine Rose mit den spitzen Dornen genau zwischen meinen Brauen, die mir aus meiner ersten Ehe geblieben ist. Nun, ich schäme mich im Grunde nicht dafür, habe ich die Tat, für die sie mich strafen sollte, doch nicht begangen. Aber ich glaube, es würde wohl keiner Frau gefallen, ihr Gesicht durch ein solches Symbol verunstaltet zu sehen. Ich habe von Ländern gehört, in denen es an der Tagesordnung ist, dass Frauen ihr Gesicht mit Zeichen versehen, doch ich bin wohl zu sehr Mondiénnerin oder auch zu eitel, um wirklich Gefallen daran zu finden.
Wie dem auch sei, meist fühle ich mich besser, wenn sich die Maske über mein Gesicht gelegt hat und meine Stirn hinter funkelnden Edelsteinen und Federn verbirgt. Dann weiß ich wieder, wer ich bin, oder zumindest, welche Rolle ich zu spielen habe. Mit der Zeit habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass es mir Unbehagen bereitet, mein Gesicht in der Nacht zu entblößen, wenn ich alleine zu Bett gehe. Dann fühle ich mich nackt und verletzlich – ein Gefühl, gegen das ich eine sehr starke Abneigung besitze. In Mondiénne kann es gefährlich sein, Gefühle zu zeigen, manchmal sogar, überhaupt Gefühle zu besitzen. Nur allzu schnell kann man in solchen Momenten in die Fänge eines jener geschickten Intriganten geraten, die es verstehen, mit Worten tiefer zuzustechen, als es ein Messer vermag. Ein solcher Stich mag zwar nicht den Körper töten, doch vielleicht tötet er die Seele. Für mich ist es nicht schwer, zu bestimmen, welcher Stich für mich der tödlichere wäre.
Erwähnte ich, dass ich mein Land liebe? Oh ja, das tue ich wirklich, besonders in jenen Stunden, in denen ich daran arbeite, meine ganz persönliche Rache an Heloise zu nehmen. Vielleicht ist es kleingeistig von mir – Fleur d’Auriée ist freier, als es Estelle de Lovaille jemals hätte sein können, doch das Mal auf meiner Stirn und den Schmutz auf meinem Namen kann ich ihr nicht vergeben, ebenso wie die Leben so vieler anderer Menschen, die sie in ihrem Wahnsinn zerstört hat.
Manchmal durchlebe ich in meinen Träumen den Moment und die Schmerzen, die mir das Einbrennen der Rose in meine Haut verursacht hat, noch einmal, sehe das rot glühende Eisen vor meinen Augen tanzen, bevor ich sie geschlossen habe, um nichts mehr sehen zu müssen. Erinnere mich an die Schwärze, in die mich der Schmerz hinabstürzen ließ, das Fieber, das mich noch Tage danach in seinen Fängen behalten hat, bevor ich im Hause des Monsieur Charles de Beauville wieder erwachte und in die tiefblauen Augen meines Retters blicken durfte.
Oh, manchmal ist es eine Schande, dass es glückliche Ehen gibt, doch als oberster Kommandant der Musketiere Heloises ist er ein Mann, der über alle Zweifel erhaben ist und für den seine Ehre an erster Stelle steht. Ich glaube, Charles würde eher sterben, als jemals seine hübsche Frau Heléne zu betrügen, und genau diese Tatsache ist es, die ihn für viele Damen bei Hofe so ausgesprochen attraktiv macht. Es scheint mir manchmal, als sei es ihre liebste Freizeitbeschäftigung, Charles zu jagen, stets in der Hoffnung ihn doch noch zu erlegen. Ich persönlich hoffe, dass dies niemals geschehen wird. Wahre Liebe, sofern sie wirklich existiert, erscheint mir ein seltenes Gut in dieser Zeit zu sein und ich mache mich bei Hofe oft genug darüber lustig, so wie es von mir erwartet wird. Es wäre doch zu schade, all die Erwartungen zu enttäuschen, die mittlerweile mit meinem Namen verbunden sind, nicht wahr? Schließlich machen sie meine kleine Maskerade aus und es belustigt mich, unter Heloises Augen zu agieren, ohne dass sie mich erkennen kann.
Doch, um auf Charles zurückzukommen, ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag, als er mir mein neues Leben schenkte. Er hatte bereits alles passend eingerichtet, sodass ich als meine eigene Cousine an den Hof Heloises zurückkehren konnte. Trotzdem hatte sich vieles verändert. Aus einem jungen, dummen Mädchen war eine Frau geworden, die ihre Rache suchte und die nun in den Diensten der weißen Musketiere stand. Charles wusste was er tat, als er mich auswählte und mein Leben rettete.  Jeder dieser Männer trägt einen unstillbaren Hass auf Heloise und das, was sie aus diesem Land gemacht hat in sich, ebenso wie ich es tue, wobei meine erste Verpflichtung mir selbst gilt und nicht der Auslöschung der Ungerechtigkeiten und Verbrechen, die die Königin begangen hat.