Fleur – Teil 2

Vielleicht fühle ich mich dem Kommandanten der Musketiere heute so verbunden, weil er, so wie ich selbst auch, ein Doppelleben führt. Auf der anderen Seite nehme ich es ihm bis heute übel, dass er mich zu dieser Existenz gezwungen hat, muss er doch wissen, wie es sich anfühlt, wenn man selbst nicht mehr weiß, wer oder was man wirklich ist, wobei ihm zumindest sein Name geblieben ist.
Aber ich schweife ab, womöglich ist dies eine schlechte Angewohnheit von mir und ich habe in der Tat so viele schlechte Angewohnheiten, dass sie für zwei Menschen reichen würden.
Mein Leben bei Hofe verlief zunächst in den gewünschten Bahnen. Ich hielt mich in der Nähe der Königin, verführte die Männer, die sie um sich herum scharte und die mir in den späten Stunden, nach einem ausgedehnten Liebesspiel, bereitwillig anvertrauten, was Heloise lieber für sich behielt. Charles missbilligte zwar stets meine Mittel, war aber dennoch von meinem Erfolg sehr angetan und konnte ihre Wirksamkeit nicht abstreiten.

Jacques

Natürlich hätte alles noch für eine lange Zeit wunderbar verlaufen können, doch dann kam jener schicksalshafte Tag, an dem Jacques Duval, ein junger Musketier, unter Heloises Augen trat – kein weißer Musketier, wie ich erwähnen sollte – und ihre Aufmerksamkeit erregte.
Es war ein warmer Sommertag und die Fächer der adeligen Damen bewegten sich mit einem beständigen Rascheln, das durch den ganzen Saal klang, um in den engen Miedern ein wenig Erleichterung zu erlangen. Auch ich war dabei keine Ausnahme und unterdrückte ein gelangweiltes Gähnen, als Heloise auf gewohnt extravagante Art und Weise von der Decke auf ihren Thron hinabschwebte und ihre an das Kleid genähten Flügel dabei auf – wie ich fand – sehr alberne Weise auf und ab wippten. Die Höflinge jedoch schienen ganz gebannt auf ihre neuerliche Darbietung zu starren und feierten ihre glückliche Landung mit falscher Begeisterung und einem Applaus, der wohl vornehm wirken sollte, dabei allerdings kaum mehr als einen sehr seltsamen Eindruck hinterließ.
Ein erdrückender Parfumgeruch, in den sich das unverkennbare Aroma seit Tagen ungewaschener Leiber mischte, machte sich in dem Thronsaal bemerkbar und raubte mir den Atem, was auch meinen Fächer deutlich schneller wippen ließ.
Es versprach, ein vollkommen langweiliger Nachmittag bei Hofe zu werden, und ich blickte mich möglichst unauffällig nach dem Vicomte de Bauscane um, der mein neuestes Opfer werden sollte und nach dem ich bereits meine Netze ausgeworfen hatte. In Momenten wie diesem war ich froh darüber, dass Heloise sich für gewöhnlich nur mit gut aussehenden Männern umgab, was mir meine Aufgabe erleichterte. Ungewaschen waren sie meist trotzdem, was den Vorteil zunichtemachte. Ein leises, frustriertes Seufzen entwich meinen Lippen, als ich den Vicomte nicht entdecken konnte. Anscheinend hatte er es vorgezogen, dem Hofe an diesem sonnigen Tag fernzubleiben und sich der Jagd hinzugeben, die seine persönliche Leidenschaft war. Nun, nicht dass ich ihn nicht verstehen konnte, doch ich fand sein Verhalten sehr rücksichtslos, schließlich konnte auch ich mir etwas Schöneres vorstellen, als Heloises neuerlichen Selbstdarstellungen beizuwohnen und mir im Anschluss eines ihrer Feste anzutun, bei dem der Adel ungezügelt seine niederen Triebe auslebte.