Fleur – Teil 3

Beinahe hatte ich die Hoffnung auf Abwechslung schon aufgegeben, als ich Madame de Montmartin leise und äußerst begeistert aufseufzen hörte und mich nach ihr umwandte. Bedauerlicherweise mit einem älteren, jedoch überaus reichen Herren verheiratet, war die junge, übermäßig aufgeputzte Frau stets eine der Ersten, die außerehelichen Aktivitäten frönte und ständig Ausschau nach einem dafür passenden Opfer hielt. Ich zog, erstaunt über diese Zurschaustellung ihrer Gefühle, eine Braue nach oben und versuchte, ebenfalls einen Blick auf das Ziel ihrer Begierde zu werfen. Etwas anderes als ein gestandener Mann konnte schließlich schlecht diese Reaktion hervorgerufen haben.
Tatsächlich, dort stand ein junger Musketier – offenbar noch nicht allzu lange im Dienst, wenn ich mir seinen glänzend polierten und sehr neu wirkenden Degen näher betrachtete – und blickte mit einem Lächeln, das perfekte Zähne enthüllte, zu Madame de Montmartin hinüber. Sollte er etwa ihr neustes Spielzeug sein? Die Blicke, die sie ihm hinter ihrem Fächer zuwarf, sprachen jedenfalls eine deutliche Sprache. Ich schüttelte innerlich den Kopf über ihr Verhalten, das mich an eine schwanzwedelnde, läufige Hündin erinnerte, und beugte mich dann zu Madame hinüber, womit ich diesen ausgiebigen Blickaustausch unterbrach.
„Nanu, Clarisse? Ihr scheint diesen Herren dort zu kennen – ich nehme an, er ist ein Bekannter Eures werten Ehemannes, habe ich recht?“
Madames Atem schien für einen Moment zu stocken und ihre Augen drohten, aus den Höhlen zu treten, bevor sie ihre Fassung wiedererlangte und mich mit einem giftigen Blick bedachte. Normalerweise sah ich nichts Verwerfliches in den außerehelichen Aktivitäten des Adels. Schließlich waren hier weder Mann noch Frau ganz ohne Schuld und Fehl, doch Madame de Montmartin ging für meinen Geschmack ein wenig zu deutlich vor und ihr Ehemann erweckte so etwas wie Mitleid in mir, vergötterte er sein junges Weibchen doch, was diese sicher nicht verdiente. Ein langer Moment verging, bevor Madame geruhte, mir auf diese harmlose Frage eine Antwort zu geben. Natürlich troff ihre Stimme förmlich vor Gift, was ich jedoch an mir abprallen ließ, ebenso wie die übermäßige Betonung des Wortes “Ehemann”.
„Ich kenne diesen Herren nicht, liebste Fleur. Es ist zu gütig, dass Ihr Euch um das Wohlbefinden meines geliebten Ehemannes sorgt. Aber ich kann euch versichern, er ist wohlauf.“
Ich lächelte Madame de Montmartin süßlich an und verbarg meine Lippen dann ebenfalls hinter meinem Fächer, imitierte dabei Clarisses vorherige Pose und schenkte ihr einen verschwörerischen Blick.
„Welch ein Jammer, ich bin mir sicher, dass Ihr nichts unversucht gelassen habt, um diesen unangenehmen Umstand zu ändern, meine Liebe.“
Ich lachte hell auf, was einige Höflinge dazu veranlasste sich von Heloise abzuwenden, dann zwinkerte ich Madame knapp zu und ließ sie stehen, ohne eine Antwort aus ihrem rot geschminkten Mund abzuwarten. Mit wenigen Schritten war ich an der Tür angelangt, die aus dem Thronsaal hinaus führte, und widmete der Königin einen knappen, höfischen Knicks, der sie dazu veranlasste, missbilligend ihre Augenbrauen emporzuziehen.
Der Musketier, der immer noch nahe der Tür auf etwas zu warten schien – ich nahm an, dass es eine Audienz war, die er anstrebte – blickte mich verwundert aus seinen samtbraunen Augen an. Ich verharrte für einen kurzen Moment an seiner Seite, legte meine Hand auf seinen Arm, während ich die Sicherheit genoss, dass Clarisse mir dabei zusah.
„Ich dachte, Musketiere seien stets ehrenhaft, Monsieur, oder habe ich mich so in den Idealen Eures Ordens getäuscht?“
Erschrocken und verständnislos blickte er mich an und ich bewunderte die vollen Lippen unter dem sauber gestutzten Bart. Es war keine Frage, die gute Madame hatte einen exquisiten Geschmack, wenn es um Männer ging – wobei dieser sich nicht auf ihre eigene Person auszudehnen vermochte. Seine Stimme war tief und angenehm, ein wenig rau, was ich bei Männern sehr anziehend fand, doch sie drückte auch sein Erstaunen über meine Worte deutlich aus.
„Aber Mademoiselle! Was wollt Ihr damit sagen?“
Ich lächelte ihn freundlich an und meine Augen wanderten zu Clarisse hinüber, die jede meiner Bewegungen genau beobachtete, in der Hoffnung, dass sie daraus lesen konnte, was ich tat.
„Oh, ich wollte Euch lediglich darauf hinweisen, dass ein Musketier niemals eine Affäre mit einer verheirateten Frau beginnen sollte – es wäre allzu unehrenhaft, nicht wahr? Ich dachte nur, dass Ihr wissen solltet, dass solche Dinge kein Geheimnis bleiben in Mondiénne… aber sorgt Euch nicht, meine Lippen sind versiegelt.“
Meine Worte hatten die Wangen des Musketiers auf ansprechende Weise erröten lassen und ich lachte leise, bevor ich schließlich durch die Tür trat und endlich den stickigen Thronsaal hinter mir ließ. Auf den Ruf des Musketiers, der mich dazu bringen wollte, zu warten, reagierte ich nicht mehr. Es war Zeit, ein wenig frische Luft zu atmen und die Sonne zu genießen. Ich wollte nicht für den Rest meines Lebens das schwere Parfum der Höflinge in der Nase haben müssen.