Musik der Dunkelheit – Teil 2

„Warum zeigst du dich mir nicht? Ich möchte dich sehen.“
Ihre Stimme war ein heiseres Flüstern, als die heiße Sehnsucht nach ihm sich in ihr ausbreitete und zu einem Verlangen wurde, das beinahe schmerzte. Ein Luftzug strich sanft über ihre Haut und ließ sie erschauern, dann keuchte sie erschrocken auf, als Hunderte von Kerzen um sie herum aufflammten und den Raum illuminierten. Doch sie konnte ihn nicht erkennen, nahm nur eine flüchtige Bewegung wahr, dort, wo das Licht ihn nicht erreichen konnte. Vorsichtig bewegte sich Cosette, um das Lager zu verlassen und zu ihm zu gehen, doch eine abwehrende Geste hielt sie auf.
„Nicht! Es ist noch zu früh, meine kleine Cosette. Du wirst mich sehen, doch es ist noch zu früh, viel zu früh. Wage es nicht, es zu versuchen.“
Sie wollte protestieren und sich ihm widersetzen, doch etwas hielt sie davon ab, als eine schnelle Bewegung am Rande ihres Sichtfeldes und das Geräusch einer zuschlagenden Tür ihr zeigten, dass er sie allein gelassen hatte. Frustriert hieben ihre Fäuste auf das Kissen ein, doch er kam nicht zurück und zum ersten Mal verspürte sie Angst, als sie sich umsah und ihre Umgebung erblickte.
Sie war allein in diesem hohen Zimmer, in dem die Fenster von schweren Vorhängen verdeckt wurden und das einzige Licht von den Kerzen herrührte, die überall um ihr Bett herum aufgestellt waren. Ein großer Spiegel hing an der Wand und zeigte ihr eigenes verängstigtes Gesicht und die großen, blauen Augen, die auf ihr dünnes Nachthemd starrten, das sie kaum zu wärmen vermochte.
Sie zog die Beine an sich und umklammerte sie, wartete, dass er zurückkommen würde, um sie zu trösten, doch er kam die ganze Nacht nicht mehr. Es musste schon früher Morgen sein, der Morgen von Cosettes Hochzeit, und man würde nun vielleicht sogar schon erkannt haben, dass sie verschwunden war und nach ihr suchen. Doch wer würde sie hier vermuten, in diesem fremden Haus? Niemand würde sie jemals finden, wenn der Mann, den sie für ihren Freund gehalten hatte und der sie gelockt hatte, nicht mehr zurückkehrte. Die Tür war verschlossen und ließ sie nicht nach draußen und ein Blick in den verwilderten Garten ließ sie sicher sein, dass man sie von außen nicht sehen konnte, selbst wenn sie nach Hilfe schrie.
Untröstlich über das, was sie getan hatte, ließ sich das Mädchen in die Kissen sinken, bis die Erschöpfung sie übermannte und sie einschlafen ließ.
Sie erwachte in der Dunkelheit von der sanften Berührung einer Hand, die über ihren Körper wanderte und dem leichten Druck fremder Lippen, die sie erschauern ließen. Verlangen durchfuhr sie erneut und ließ sie ihre missliche Lage vergessen, als sie sich der dunklen Gestalt entgegendrängte und sie willkommen hieß. Ihre Hände wanderten über seine Brust bis hinauf zu seinem Hals, doch als sie über seine Wange streichen wollte, um seine Züge zu erahnen, schreckte er auf und hielt ihre Hand zurück. Vorsichtig zog er sich zurück und Cosette hört, wie er hastig atmete, und sah nur den Umriss seines Körpers, als er sich von ihr abwandte und sich erhob. Diesmal sang er nicht für sie und seine raue Stimme durchbrach die Stille nur für einen kurzen Moment, bevor er spurlos verschwunden war, als habe er niemals existiert.
„Ich sagte dir, dass du es nicht versuchen sollst, kleine Cosette. Nun kann ich nicht bleiben, denn deine Neugier treibt mich davon. Ich warne dich, versuche es nicht noch einmal.“
Cosette sprang auf und versuchte, ihn zurückzuhalten, doch es war zu spät und sie blieb allein zurück. Erneut flackerten die Kerzen auf und tauchten das Zimmer in ihr warmes Licht und diesmal fand sie Speisen auf dem Tisch neben ihrem Bett, verborgen unter einer silbernen Glocke. Doch es waren nicht die Speisen, nach denen Cosette sich sehnte, es war der Mann, der nur in der Dunkelheit zu ihr kam und dessen Stimme sie dazu brachte, Dinge zu tun, die sie nicht verstand.
Aber diesmal ließ Cosette sich nicht entmutigen, als er nicht zurückkehrte. Sie wartete, lauschte auf jedes Geräusch und zuckte zusammen, wenn sie glaubte, seine Schritte zu hören, doch er kam nicht und irgendwann hielt sie nichts mehr zurück. Ihr Herz hämmerte laut gegen ihre Rippen, als sie eine der Kerzen aus einem der schwarzen, metallenen Ständer nahm und sich damit auf die Tür zubewegte. Sie war nicht verschlossen und öffnete sich leise, als Cosette ihre Hand dagegen presste und sie langsam nach außen schob. Stille und unheimliche Dunkelheit lagen dahinter und sie konnte nicht weit in den Flur hineinsehen, der sich dahinter erstreckte. Ihre nackten Füße berührten den weichen, dicken Teppich, der den Boden bedeckte und ihre Schritte dämpfte. Kerzen, die an den Wänden in ihren Haltern angebracht waren, flammten wie von Geisterhand auf, wenn sie vorüberging.