Verloren – Teil 1

- Ok, das Ganze hier ist persönlicher Natur, wobei ich nicht mal sagen kann, dass mir die Charaktere wirklich etwas bedeuten würden. Es ist eher der Inhalt, der mein ganz persönliches Problem zu der Entstehungszeit widerspiegelt, das ich hier verarbeitet hatte.
Im Gegensatz zu Julies Geschichte hatte meine dann aber doch ein Happy End …;-) -

Endlich war die große Nacht gekommen und Julie d’Aubrey betrat an der Seite ihres Verlobten Christian den prunkvollen Ballsaal, in dem die Kleider in allen Farben des Regenbogens leuchteten. Alle Augen richteten sich auf das schöne Paar, erblickten neidvoll und bewundernd die schöne Frau mit dem goldblonden Haar, die sich in dem Kleid aus leuchtend goldener Seide die Treppe hinabbewegte und den ebenso attraktiven Mann mit den kastanienbraunen Locken an ihrer Seite.
Stets war Julie der Mittelpunkt auf allen Festen, der leuchtende Stern, der über Mondiénne schwebte und zu dem alle aufsahen, hatte sie sich doch an der Grande Opera einen Namen ersungen, der über all jenen stand, die vor ihr dort gewirkt hatten.
Niemand konnte sich mit der kristallklaren Stimme der zarten Frau messen, die auf der Bühne wie ein Sonnenstrahl in die Herzen der Menschen eindrang und sie erhellte, jeden Zweifel und jede Sorge zu vertreiben verstand. Selbst die Königin Heloise von Mondiénne bewunderte die junge Frau und lud sie stets zu ihren Festen, um ihrer Stimme entzückt und bezaubert zu lauschen und ihre Darbietungen ihren wertvollsten Freunden zu gewähren.
Doch heute hatte Julie keinen Blick für ihre Bewunderer übrig, war geistesabwesend und nahm ihre Avancen nur entfernt zur Kenntnis, obgleich Christian an ihrer Seite alles dafür tat, dies zu überspielen, lauter lachte, als es sonst seine Art war und sie dabei aus seinen besorgten, dunklen Augen musterte.
Niemand konnte wissen, was sich im Kopf der Sängerin abspielte, denn endlich hatte sie sich dazu entschlossen, Byron zu sagen, wie sie für ihn empfand. Lange Zeit hatte er auf sie gewartet, hatte die schöne Frau, die doch schon längst versprochen war, umworben und beinahe alles für sie getan, was in seiner Macht stand, ohne ihr Schande zu bereiten. Julie hatte es ihm selten gedankt, obgleich ihr Herz laut und schnell zu schlagen begann, wann immer er in ihrer Nähe war und sie seine Anziehung nicht verleugnen konnte.
Sie erinnerte sich noch genau an die Szene, als er vor ihrem Stadthaus stand, zu dem Balkon hinaufsah, von dem sie zu ihm herabschaute und sie dabei bat, mit ihr das Land zu verlassen, alles hinter sich zu lassen, um ein neues Leben zu beginnen. Doch Julie war dazu noch nicht bereit gewesen, waren ihre Gefühle für Christian doch zu stark, ihre Loyalität zu groß, um diesen Schritt zu wagen. Zu gerne stand sie im Licht ihrer Bewunderer und sonnte sich in ihm.
Doch nun war alles anders, seitdem sie von ihrer Reise an den Hof des Königspaares von Torego zurückgekehrt waren und Christian dort einmal mehr den Reizen einer schönen, exotischen Frau erlegen war. Es schmerzte, wann immer sie an ihren dunklen Schopf auf seiner nackten Brust denken musste, schmerzte, wenn er sie berührte oder ansah, obgleich er sie auf Knien um ihr Verzeihen gebeten hatte und angab, nur sie allein zu lieben. Aber Julie konnte ihm nicht mehr verzeihen, nicht noch einmal.
Doch all diese Gedanken waren nun umsonst, denn sie würde ihn verlassen und so hielt Julie mit klopfendem Herzen Ausschau nach Byron, halb ängstlich, dass er nicht kommen würde, halb, dass er erschien. Sie hatte schon beinahe die Hoffnung aufgegeben, da erblickte sie sein dunkles Haar, auf dem die Lichter aus den kristallenen Leuchtern tanzten und sie hielt den Atem an, trat nach vorn, um sich ihm zu nähern, als sie die Frau an seiner Seite wahrnahm.
Der Schock, der durch ihre Glieder fuhr, ließ sie erstarren und alles in ihrem Inneren verkrampfte sich. Wer war diese Frau? Nicht besonders reizvoll erschien sie, wenn man sie mit Julie verglich – dunkles Haar war über dem herzförmigen Gesicht aufgesteckt und sie sah anbetend zu Byron empor, doch ihr Lächeln war offen und ehrlich, ohne die falsche Maske, die so viele Mondiénner trugen. Und auch Byron lächelte warm und voll echter Zuneigung auf sie herab.