Verloren – Teil 2

Christian hatte sehr wohl gemerkt, wie sehr Julie sich verkrampft hatte und sein Blick war fragend auf sie gerichtet, bevor er ihrer Blickrichtung folgte und Byron mit seiner Dame auf sie zukommen sah.
Er lächelte den Rivalen, den er niemals vermutet hatte, freundlich an und begrüßte ihn warm, als dieser die Frau an seiner Seite vorstellte – Estelle Beaufort, seine Verlobte, die er schon bald heiraten wollte.
Julie konnte kaum noch atmen, als alles in ihr zu schmerzen begann und die Hoffnung spurlos verschwand. Wie hatte sie nur so schrecklich dumm sein können? Alles aufzugeben, wofür? Sie versuchte zu lächeln, wollte gleichfalls eine Maske tragen, wie so viele andere, deren Augen prüfend auf sie gerichtet waren, doch nur eine gequälte Grimasse verzerrte die schönen Züge der Sängerin. Ihre Stimme, sonst so rein und klar, war dunkel vor Schmerz, als sie Estelle begrüßte und dann den prickelnden Champagner aus dem Kelch in ihrer Hand mit einem hastigen Schluck trank, seine tröstende Wärme ihre Kehle herabrinnen fühlte, während Christian und Byron fröhlich miteinander redeten und auf die Verlobung und die anstehende Hochzeit tranken.
Dann waren Byrons Augen auf Julie gerichtet und Verwirrung zeichnete sich in ihnen ab, als er ihren Zustand bemerkte. Mit einem galanten Lächeln bot er ihr seinen Arm, um sie nach draußen zu führen, auf dass sie ein wenig frische Luft schnappen konnte, wohl wissend, dass sie dort alleine wären. Er verabschiedete sich unter Scherzen von Christian und Estelle, lief an Julies Seite durch die offene Tür in den romantisch erleuchteten Garten hinaus, wo auf dem Wasser des Teiches Kerzen in Form großer Seerosen schwammen.
Julie bemerkte es kaum durch den Schleier, der sich über ihren Geist gelegt hatte, folgte ihm willenlos, bis sie alleine waren und er sie ebenso fragend anblickte, wie Christian zuvor, ihre Hand hielt und über ihre blasse Wange streichelte.
Die Berührung brachte Julie in die Wirklichkeit zurück und endlich vernahm sie seine halb geflüsterten Worte: „Was hast du, Julie? Ich habe dich noch niemals zuvor so erlebt.“
Sie schluckte hart und drängte die Tränen zurück, die in ihren Augen aufsteigen wollten, fand zu ihrer alten Kühle zurück, die sie stets gerettet hatte, wenn Emotionen zu stark zu werden drohten.
„Ich wäre mit dir gekommen, Byron. Ich wollte alles aufgeben, nur für dich, doch nun ist alles zu spät. Ich habe zu lange gewartet und mein Spiel verloren und nun bleibt mir nicht mehr, als zu Christian zurückzukehren und abzuwarten, bis er mich einmal mehr betrügt.“
Der Schock stand deutlich in Byrons Gesicht und er suchte nach Worten, fand lange Zeit jedoch keine und so streckte er seine Hand nach ihr aus, um sie zu sich heranzuziehen und ihr Trost zu spenden, endlich die Traurigkeit in ihren Augen zu vertreiben. Doch Julie wich vor ihm zurück.
„Für einen Kuss von dir hätte ich alles aufgegeben, Julie. Ich wäre mit dir bis an das Ende der Welt gegangen.“
Sie schüttelte traurig den Kopf und verdrängte erneut das Schluchzen, das in ihrer Kehle aufzusteigen drohte.
„Es ist zu spät für uns, Byron. Doch sage mir eines, bevor sich unsere Wege für immer trennen, liebst du sie? So wie du mich geliebt hast?“
Er sah zu Boden, versuchte noch einmal, sich ihr zu nähern, doch Julie ließ es nicht zu, zu groß war die Angst, in seinen Armen alles zu vergessen und nicht mehr die Kraft zu finden, das zu tun, was sie tun musste.
„Nicht wie dich, Julie, denn niemand könnte jemals deinen Platz in meinem Herzen einnehmen. Doch sie ist eine gute Frau und sie verdient einen Mann, der sie liebt und der sich um sie sorgt.“
Julie nickte, rang nach Atem für die Worte, die sie nicht aussprechen wollte, die sie aber aussprechen musste. Sie kannte Estelle nicht, doch keiner Frau wünschte sie das Schicksal, das Christian ihr auferlegt hatte.
„Dann wünsche ich euch alles Glück dieser Welt, Byron. Mach sie glücklich und lebe wohl.“
Mit diesen Worten wandte sich Julie ab, wollte Byron nicht mehr ansehen müssen. Schon bald würde sie erneut an Christians Seite auf der Bühne stehen und ihr Leben so weiterleben, wie sie es immer getan hatte. Sie begann zu laufen, ignorierte Byrons Ruf, der sie zurückhalten wollte, strebte stattdessen immer weiter auf den Ausgang zu, in die Stille der Nacht, wo niemand ihre Schwäche und ihre Tränen sehen konnte. Denn niemand, das schwor sie sich, würde sie von diesem Tage an jemals wieder weinen sehen.