Violas Spiegel – Teil 1

- Der Bereich um die Smaragdinseln hat so einiges an mythisch inspiriertem Material zu bieten und meine Viola ist dafür ein eindeutiges Zeichen, da sie selbst Feenblut in den Adern trägt. Für eine Weile hatte ich den Bezug zu ihr verloren, nun darf sie allerdings die Heldin ihres eigenen Romans sein.
Allerdings – ihre Beziehung zu Sir Jack hatte keine Zukunft. Das Schicksal hat sie mit einem anderen Mann zusammengeführt. -

Die Nacht hatte sich schon lange wie ein schweres, dunkles Tuch über Schloss Stormhaven gelegt und die Welt schien zu schlafen, als leise Schritte in den Gängen erklangen und deutlich machten, dass sich jemand mit einiger Eile über den Flur bewegte. Obgleich die Schritte nur leise waren und sich derjenige, der zu dieser späten Stunde noch unterwegs war, sehr geschickt zu bewegen vermochte, horchte Sir Jack, seines Zeichens einer der Ritter des Freibeuterkönigs James, während seiner unfreiwilligen Wachzeit auf und streckte neugierig die Nase in den Gang, während er Vorsichtsmaßnahmen traf, von der anderen Gestalt nicht bemerkt zu werden.
Vorsichtig bewegte er sich näher an den Torbogen heran, bereit, hinauszugleiten und die Verfolgung aufzunehmen, denn wer auch immer zu dieser Stunde durch das Schloss wandelte, konnte nur wenig Gutes im Sinn haben und würde seinen Degen zu spüren bekommen, falls die Notwendigkeit bestand.
Jack war mehr als glücklich über diese Abwechslung, die sich ihm so unerwartet dargeboten hatte und die Langeweile vertrieb, die sich bei der Nachtwache stets einzustellen pflegte. Er mochte es nicht besonders, zu dieser Tätigkeit verdammt zu sein, doch James hatte erstaunlich wenig Humor besessen, als Jack bei der Verfolgung eines schurkischen Adeligen über die Balkone Stormhavens in das Badezimmer von Lady Ethel geraten war und diese beinahe zu Tode erschreckt hatte. Die Nachtwache war die Folge – was er nicht recht verstehen konnte, hatte er doch nur seine Pflicht getan und die Smaragdinseln geschützt. James selbst hatte zwar hinter verschlossener Tür lauthals gelacht, doch natürlich musste auch er in der Öffentlichkeit seinen Pflichten nachkommen und konnte den Vorfall nur schlecht auf sich beruhen lassen. Dazu besaß Lady Ethel einfach eine zu fordernde Persönlichkeit – und ein zu lockeres Mundwerk.
Zu seiner Überraschung erblickte Jack jedoch keinen bewaffneten Höfling, der schwarz gekleidet seine Pläne verfolgt. Nein, die Gestalt war eindeutig weiblich und obgleich sie in einen Mantel von nachtblauer Farbe gewandet war, um sich zu verbergen, meinte er, das Aufblitzen einer silbrigen Locke erhascht zu haben. Einer Locke, deren Besitzerin er nur zu gut kannte.
Konnte es sein, dass er endlich Lady Viola bei einem ihrer nächtlichen Aufträge auf die Spur gekommen war? Schon lange nagte die Neugier an Jack und ließ ihm keine Ruhe, wann immer die schöne Adelige für eine Weile verschwand und im Auftrag des Königs unterwegs war. Doch nicht allein die Neugier war es, die diesen Umstand so schwer erträglich machte, auch der Stachel der Eifersucht saß tief in seinem Herzen und brachte sein Blut zum Kochen. Denn James setzte Viola, seine Winterprinzessin, ausgesprochen gerne auf andere Männer an. Bevorzugt natürlich auf die Botschafter der anderen Länder, die dem Charme und der außergewöhnlichen Schönheit Lady Violas nicht lange widerstehen konnten.
Jack stellte sich nur sehr ungern vor, was hinter geschlossenen Türen geschah, und er hegte eine gewisse Abneigung gegen James’ Vorstellungen von perfekter Spionagearbeit, zumindest sofern sie Lady Viola mit einbezog.