Violas Spiegel – Teil 2

Mit nun schneller klopfendem Herzen machte sich Jack an die Verfolgung der Lady, die ihren Weg gut zu kennen schien und die sich gezielt auf eine Tür am Ende des Flures zubewegte. Schnell sprang er in den Schatten, als sie sich kurz umdrehte und den Blick über den Gang schweifen ließ, was es Jack erlaubte, endlich ihr Gesicht zu erblicken. Es war in der Tat Lady Viola, denn diese tiefblauen Augen und der helle Teint ließen keinen Zweifel daran, dass sie unter dem Mantel steckte und durch Stormhaven huschte.
Misstrauisch legte sich Violas Stirn in Falten, als sie den Gang mit den Augen absuchte, doch sie fand nichts, was sie beunruhigte und schüttelte den Kopf, offenbar der Ansicht, dass sie sich etwas eingebildet hatte. Schweißtropfen bildeten sich auf Jacks Stirn, während er im Schatten verharrte und versuchte, möglichst nicht zu atmen, bevor sie sich schließlich umdrehte und die Tür öffnete.
Nach einigen Sekunden bewegte sich auch Jack wieder auf den Gang zurück und atmete tief ein, bevor er hastig ebenfalls zu der Tür hinüberschlich und sie einen Spalt weit öffnete, um in den Raum dahinter blicken zu können. Ein kurzes Gebet zu Edea sollte sicherstellen, dass Viola ihn nicht dabei bemerkte, doch die Lady war anderweitig beschäftigt und kehrte der Tür den Rücken zu, ohne etwas zu vermuten.
Schnell glitten ihre Finger über ein Bücherregal, das an der Wand des verlassenen Ruheraumes angebracht war, zog hier einen lederbezogenen Folianten, dort ein anderes goldbeschlagenes Werk daraus hervor, nur um sie dann ohne einen rechten Sinn zurückgleiten zu lassen und sie nicht mehr anzurühren. Doch dann bewegte sich etwas. Das Regal glitt zur Seite und Jack sah gebannt auf die leere Wand, als silbrige Streifen dort einen Kreis zu bilden begannen und das Zimmer in ihr helles Licht tauchten. Viola ließ die Kapuze ihres Umhanges von ihrem Kopf gleiten und ihr silbriges Haar leuchtete in dem Licht, als sei es nicht von dieser Welt. Unwillkürlich hielt der Ritter erneut den Atem an, als ein Spiegel dort erschien, wo sich die Umrisse gebildet hatten und das Leuchten soweit erlosch, bis es nicht mehr blendete, sondern nur noch ein weiches Licht in das Zimmer strahlen ließ.
Verwundert rieb sich der Ritter die Augen, als er nicht mehr Lady Violas Abbild in dem Spiegel sah, der beinahe so groß war, wie sie selbst, sondern eine andere Frau, die der Winterprinzessin zwar sehr stark ähnelte, doch trotzdem älter sein musste und noch weitaus übernatürlicher wirkte. Konnte es sein, dass die Gerüchte, die Viola an die Welt der Feen banden, wahr waren? War sie wirklich eine Fee?
Jack wagte es kaum, ein Geräusch zu machen, um die Szene zu unterbrechen, die sich vor seinen Augen abzuspielen begann. Endlich war er Violas Geheimnis so nahe gekommen, wie noch nie zuvor, und wenn das Glück auf seiner Seite war, konnte er es endlich lüften, wenn er nun auch noch immer nicht wusste, worin ihre Aufträge bestanden.