Violas Spiegel – Teil 3

Es war sehr schwierig, von seinem Standpunkt aus durch die halbgeschlossene Tür hindurch zu hören, was die Frau aus dem Spiegel sagte, denn ihre Stimme war zwar sehr eindringlich, jedoch auch ebenso leise. Er verstand kaum mehr, als nur einige Bruchstücke der Sätze, die sie sprach. Mehr als einmal hörte er seinen eigenen Namen, doch er konnte den Zusammenhang nicht entschlüsseln und fluchte über die Entfernung, die das Hören erschwerte.
Doch was er hörte, ließ ihn einiges besser verstehen, denn Viola nannte die schöne Gestalt Mutter und dies machte deutlich, dass es sich um Lady Fiona Shaw handeln musste, die Frau, die das Leben bei Hofe mied und lieber auf den Ländereien der Shaw blieb, wo sie in Ruhe an der Seite ihres Mannes Richard lebte. Wenn man es recht betrachtete, war dies kein Wunder, denn Lady Fiona war eindeutig kein menschliches Wesen – Violas Mutter war eine Fee.
Jack schluckte schwer, als ihm zu Bewusstsein kam, was dies für die Frau bedeutete, die er im Geheimen liebte und ein heißer Schock fuhr durch sein Innerstes, als er Fionas nächste Worte vernahm: „Sei vorsichtig, Viola – sie wird alles versuchen, um dir zu schaden. Selbst James wird dich nicht schützen können und sie besitzt sehr mächtige Verbündete.“
Die Besorgnis auf den schönen Zügen der Fee war überdeutlich zu sehen und ihre Geste war hilflos und resigniert, als könne sie das Unheil nicht von ihrer Tochter fernhalten. Nun endlich machte die Fee Anstalten zu entschwinden, denn das Spiegelbild wurde undeutlicher und begann zu flackern, als könnte die Fee die Verbindung nicht mehr länger aufrecht erhalten.
Hastig machte auch Jack Anstalten, sich zurückzuziehen, denn er wusste nicht, wie schnell Viola zu der Tür gelangen würde und er wollte nicht, dass sie ihn sah und entdeckte, dass er ihr gefolgt war und sie belauscht hatte.
Doch das Schicksal hatte sich gegen ihn verschworen, denn als er die Tür leise schließen wollte, glitt der Türknauf aus seinen Fingern, als habe er ein Eigenleben und schwang auf, um ihn zu präsentieren. Sogleich erlosch der Spiegel und Viola fuhr herum, entdeckte ihn, bevor er verschwinden konnte.
Reglos standen sie einander gegenüber und blickten sich an, der Schreck überdeutlich auf beiden Gesichtern sichtbar. Dann verzerrte sich Violas Gesicht und Jack kam näher, um sie zu beruhigen, als diese die Tür mit einer leichten Bewegung ihrer Hand in das Schloss fallen ließ, um andere Beobachter auszuschließen.
Die normalerweise so kühle Stimme der Lady bebte vor Zorn und auf ihren Wangen hatte sich eine leichte Röte gebildet, die nun nicht reizend, sondern eher Furcht einflößend wirkte. Jack hatte Viola noch nie zuvor wütend gesehen und so schön sie dabei war, er wollte es nur ungerne oft erleben müssen.
„Sir Jack! Was hat das zu bedeuten? Hat James keine anderen Aufträge mehr für Euch, sodass Ihr mir vor Langeweile durch das Schloss hinterherschleichen müsst? Oder habt ihr Spaß daran, die Hofdamen in der Nacht zu belauschen? Ich werde Euch jedenfalls nicht den Gefallen erweisen und in eine Badewanne steigen!“
Viola hatte mühelos Jacks wunden Punkt getroffen und er bemerkte, wie auch ihm das Blut in das Gesicht stieg und eine unangenehme Hitze verbreitete. Jack richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich tue lediglich meine Pflicht. Eine Dame sollte in der Nacht nicht durch das Schloss schleichen, wie eine Diebin, auch wenn der König Gefallen daran gefunden hat!“
Violas Augen blitzten gefährlich auf und ihr Blick bohrte sich erbarmungslos in seine Seele.