Violas Spiegel – Teil 4

„Was ich in der Nacht tue, ist meine Angelegenheit, nicht die Eure! Ich kann gut auf mich selbst achten und brauche Euch nicht, um mich zurechtzufinden!“
Die Winterprinzessin hatte offenbar jegliche höfische Erziehung beiseite gewischt, denn noch niemals zuvor hatte Jack sie so reden gehört und sein Magen verkrampfte sich. Dennoch war er nicht willens, so einfach nachzugeben und änderte seine Taktik.
„Also ist es wahr, was man sich über Euch erzählt – Feenblut fließt durch Eure Adern!“
Die Lady atmete tief ein und schloss für einen Moment die Augen, um ruhiger zu werden, brachte ihre Gefühlsregungen unter Kontrolle, bevor sie zu einer Antwort ansetzte.
„Ja, meine Mutter ist eine Fee, wie Ihr zweifelsohne soeben bemerkt habt, Sir Jack. Und ja, sie hat ihre Heimat verlassen, um bei meinem Vater zu leben. Ich bin zur Hälfte eine Fee, seid Ihr nun zufrieden?“
Unter der Kälte in Violas Stimme war ein Hauch von Bitterkeit zu hören und Jack wurde mit einem Mal bewusst, dass es keineswegs einfach für sie sein musste, mit den ständigen Gerüchten zu leben. Ohne Zweifel würden so mancher Adelige und insbesondere auch die einfachen Menschen Abstand von ihr halten, wenn sich die Gerüchte bestätigten, denn obgleich das Volk der Smaragdinseln praktisch mit der Magie aufwuchs, handelte es sich noch immer um Menschen, die nicht unbedingt rational reagierten, wenn sie mit dem Übernatürlichen konfrontiert wurden.
Jack trat einige Schritte näher zu Viola und streckte die Hände nach ihr aus, doch sie wich ihm aus und etwas Wildes lag in ihren Augen, das es ihn nicht noch einmal versuchen ließ. „Viola, bitte! Es tut mir leid, ich wollte Euch nicht nachspionieren und nichts läge mir ferner, als Eure Abstammung dem Hof preiszugeben, glaubt mir das.“
Viola zog den Mantel enger um sich herum und sah Jack noch immer mit einem gewissen Misstrauen an, entfernte sich jedoch nicht noch weiter von ihm.
„Und warum seid Ihr dann hier? Ich glaube kaum, dass Ihr Euch für gewöhnlich in diesem Teil Stormhavens aufhaltet, denn beinahe niemand kommt hierher, außer mir, und ich habe Euch noch nie hier gesehen.“
Jack errötete und zögerte mit seiner Antwort, plötzlich sehr unsicher geworden und sich überdeutlich der Situation und des leichten Nachthemdes unter Violas Umhang bewusst.
„Nun, ich … Ihr wisst doch, diese unglückliche Begebenheit mit Lady Ethel … König James hielt es für angebracht, wenn ich für diese Woche die Nachtwache übernehme und das trieb mich in diesen Flügel …”
Viola verschränkte die Arme vor der Brust und sah Jack mit schief gelegtem Kopf und einem Blick an, der ihn wieder auf sichereres Terrain brachte, denn er kannte das, was nun folgte, sehr gut und verbiss sich mit Mühe ein Lächeln.
„Nachtwache. Ich möchte meinen, er hatte vollkommen recht und Ihr könnt froh sein, dass Ihr nicht Lady Ailith in die Hände gefallen seid. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich sehr darüber freuen würde, Euch eine hübsche Strafe zu erteilen.“
Der Ton der Lady war bissig und der Ritter wirkte für einen Augenblick sehr schuldbewusst und dachte mit Grauen daran, dass etwas Wahres an Violas Worten sein könnte. Ailith brachte sehr viel Verständnis für ihre Ritter auf, doch sie mochte es nicht, wenn Alleingänge den Ruf ihrer Männer beschmutzten und genau das war am Ende durch einen Ritter in den Badegemächern einer Hofdame geschehen. Der Adel besaß eine sehr schmutzige Fantasie.
„Ich schwöre Euch, Mylady, dass mich nicht die Zuneigung zu Lady Ethel getrieben hat.“
Er schauderte leicht. „Sie ist mir einfach in den Weg geraten und hat meine Ermittlungen empfindlich gestört.“
Viola nickte mit einer Art ironischer Anteilnahme und wurde dann wieder ernst. Ihre Augen leuchteten in einem seltsamen Licht, das nichts Gutes erahnen ließ. „Euch ist bewusst, dass ich nicht zulassen kann, dass irgendetwas, das Ihr heute Nacht gehört habt, diesen Raum verlässt?“