Violas Spiegel – Teil 5

Der Ritter nickte ernst und kniete dann vor Viola nieder, während seine grünen Augen ruhig auf ihrem Gesicht ruhten und sie unverwandt anblickten.
„Ich gebe Euch mein Wort, bei meiner Ehre als einer der Ritter des hohen Königs James und bei meinem Leben, dass kein Wort darüber jemals meine Lippen verlässt. Tötet mich, wenn Ihr es für das Richtige haltet, doch meine Liebe zu Euch wird niemals sterben.“
Bei diesen Worten erstarrte Viola und sie schwankte leicht, schnappte dann nach Luft und fuhr mit der zarten Hand über ihr Gesicht, bevor sie sich wieder gefangen hatte. Für einen Moment blickte sie Jack an, als habe sie ihn noch nie zuvor gesehen, dann wandte sie sich hastig ab, um den Raum zu verlassen und zu fliehen.
Aber Jack hatte nicht die Absicht, sie entkommen zu lassen. Mit einer fließenden Bewegung war er auf den Füßen und hatte die Lady eingefangen. Ein Arm war um ihre Taille gelegt und er zog sie näher zu sich heran, spürte die Wärme, die von ihrem Körper ausging, und fühlte jeden ihrer hektischen Atemzüge an seiner eigenen Brust. Sanft schob seine Hand das verwirrte Haar der Winterprinzessin aus ihrem Gesicht und er sah in ihre Augen, die nun weit geöffnet waren und im Mondlicht, das durch die Fenster drang, einen silbrigen Schimmer besaßen.
„Nein, Viola. Es gibt keinen Grund, davonzulaufen. Es ist mir gleich, was die Höflinge tuscheln. Ich liebe dich und ich lasse dich nicht gehen. Und außerdem werde ich dich nun zu deinem Gemach zurückbringen.“
Viola öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch er schüttelte nur energisch den Kopf und ließ ihren Widerspruch nicht gelten, gestattete ihr jedoch, sich so weit von ihm zu entfernen, dass sie den Mantel erneut über ihre bloßen Schultern ziehen konnte.
Noch einmal strich er über ihre Wange, dann führte er sie hinaus auf die Gänge des Schlosses, die sie zu ihrem Gemach zurückbringen würden. Viola schritt schweigend an seiner Seite dahin und schien in ihren eigenen Gedanken versunken zu sein. Auch Jack war still, denn er war von seinem eigenen Mut überrascht, Viola zu sagen, was er für sie empfand. Schon lange hatte er sie umworben, doch der Gedanke, ihr seine Gefühle offen zu gestehen, hatte ihn, der furchtlos gegen jede Gefahr antrat, mit einem stummen Entsetzen erfüllt. Verwirrung hatte sich über sein Herz gelegt und er bemerkte es kaum, als sie die Distanz zu Violas Gemach überwunden hatten und sie die Hand auf den Türknauf legte, um einzutreten.
Schweigend standen sie sich gegenüber, unsicher und verwirrt, doch dann beugte sich Jack zu Viola hinab, zog sie nahe an sich und küsste sie sanft. Die Lady wehrte sich nicht, als er sie in die Arme nahm, und schlang ihre Arme um ihn, nicht bereit, ihn schnell wieder gehen zu lassen. Zu Jacks Erstaunen wusste Viola genau, was sie tat, und obgleich ihn der Moment gefangen genommen hatte, drängte sich ihm die Frage auf, woher dieses Wissen stammen mochte. Als sie sich voneinander lösten, atmeten beide schneller und Violas Wangen waren erneut gerötet, wenn es auch diesmal nicht die Hitze der Wut war, die das Blut hatte in ihre Wangen schießen lassen.
Die Stimme des Ritters klang rau und er fühlte sich, als habe er ein Duell ausgetragen, dessen Ausgang noch ungewiss war.
„Gute Nacht, Mylady. Mögen Euch Edeas Engel schöne Träume bescheren.“
Viola lächelte rätselhaft, als sie ihm antwortete und dann schnell in ihrem Gemach verschwand, ihm noch einen letzten Kuss zu hauchte, bevor sich die Tür hinter ihr schloss und sie vor seinen Augen verbarg.
„Ich bin mir sicher, dass sie dies tun werden, Sir Jack …“
Jack blieb allein zurück und kämpfte gegen die Verwirrung an, die Viola in ihm ausgelöst hatte. Ein Hochgefühl hatte sich eingestellt und würde nun ohnehin jeden Schlaf verhindern, der sich auf seiner Wache hätte einstellen können. Erst, als er schon lange wieder auf seinem Posten war, fiel ihm auf, dass er vergessen hatte, Viola nach dieser Gefahr zu fragen, in der sie gemäß der Worte ihrer Mutter schwebte.