Winterprinzessin – Teil 2

„Ich dachte, ihr wäret in Eile, Mylord?“
Der Ritter zeigte erneut sein schelmisches Lächeln, bevor er antwortete.
„Ich wollte nur prüfen, ob ihr Euch nicht verkühlt habt, Mylady. Die Temperaturen sind im Winter nicht besonders warm, findet ihr nicht?“
Errötend sah Viola auf den schimmernden Schnee, der alles mit seinem silbrigen Glitzern überzog, und wischte eine ihrer silberblonden Strähnen aus dem Gesicht. Ihr Feenblut ließ sie die Temperaturen nicht so stark spüren, wie es bei einem reinen Menschen der Fall war, und so stand sie schon seit einer Weile ohne einen wärmenden Mantel auf dem Balkon.
„Ihr habt recht, Sir Jack, so ungerne ich es zugebe. Wir sollten beide hineingehen, denn Ihr seid sicher sehr beschäftigt und es ist in der Tat kühl.“
Jack vergewisserte sich kurz, ob sein Degen noch immer an Ort und Stelle saß und sein Gesicht wurde ernster, obgleich es noch immer sanft erschien.
„Für einen Moment war der Sommer nach Stormhaven zurückgekehrt. Aber nun müsst Ihr mich entschuldigen, Lady Viola, denn die Pflicht ruft und ihre Stimme ist unbarmherzig.“
Mit einem letzten bedauernden Blick auf Viola verschwand Jack durch die Tür und sie sah ihm lächelnd nach. Solcherlei Geschehnisse gehörten zu dem besonderen Charme des Ritters und sie hatte sich schon lange daran gewöhnt.
Noch immer sehr nachdenklich nahm Viola den Bücherstapel wieder auf, den sie auf einem kleinen Holztischchen neben der Tür abgelegt hatte und ging dann einen der langen, hellen Flure des Schlosses hinab. Auf diese Art in ihren eigenen Gedanken versunken, bemerkte Viola kaum den jungen Mann, der mit einer Gruppe ebenso junger Adeliger den Gang hinunterkam. Erst als einer der jungen Männer sie unsanft anstieß und die Bücher mit einem lauten Schlag zu Boden fielen, nahm Viola ihre Umgebung wieder wahr. Doch das, was sie sah, ließ sie vor Schreck erstarren. Ein leises: „Nein!“ drang über ihre Lippen, als sie in die grünen Augen blickte, die sie niemals wieder zu sehen gehofft hatte. Besorgt beugte sich der junge Mann zu ihr hinab.
„Verzeiht, Mylady. Meine Freunde waren wohl etwas zu ungestüm. Habt Ihr Euch verletzt?“
Vorwurfsvoll sah er zu den Männern, die erschrocken hinter ihm standen. Einer von ihnen murmelte scheu eine leise Entschuldigung und er schien am liebsten im Erdboden versinken zu wollen, nachdem er sich über Violas Identität klar geworden war.
Nun endlich hatte die Winterprinzessin Zeit, ihr Gegenüber genauer zu mustern. Die Ähnlichkeit war erschreckend und doch gab es Unterschiede, denn dieser Mann besaß das gleiche rote Haar und die vollen Lippen und doch war er jünger und seine Züge waren weicher. Nein, dies war nicht Geoffrey Winterbourne, doch es hätte sein Zwilling sein können.
Nach dieser Feststellung fand ein Lächeln den Weg auf Violas Lippen und sie reichte ihrem Gegenüber die Hand. Sanft setzte er einen Kuss darauf und half ihr dann wieder auf die Beine.
„Oh nein, mir geht es gut, sorgt Euch nicht um mich.“
Schnell entzog sie sich dem Unbekannten wieder und beugte sich hinab, um die Bücher aufzuheben, die auf dem Boden verstreut lagen. Es war ihr lieber, wenn die Umstehenden nicht die Gefühle sahen, die auf ihren Zügen miteinander rangen. Auch den anderen würde seine Ähnlichkeit mit Geoffrey nicht verborgen bleiben und sie war sich sicher, dass in der nächsten Zeit viele Augen auf ihr ruhen würden, wenn dieser Mann bei Hofe blieb. Nichts ahnend beugte sich der Fremde zu Viola hinab, um ihr behilflich zu sein und griff nach den Büchern. Sein Lächeln, das ihn Geoffrey so ähnlich erscheinen ließ, spielte in seinen Mundwinkeln, als er versuchte, in Violas Augen zu blicken und dabei einige Worte flüsterte. „Ich hoffe, wir werden uns bald wiedersehen, Mylady. Noch niemals zuvor, duften meine Augen eine solch makellose Schönheit erblicken.“