Winterprinzessin – Teil 3

Überrascht sah Viola auf das Gesicht des Fremden, fand jedoch nichts anderes als reine Ehrlichkeit in seinem Blick. Es gab keine Spur von dem berechnenden Ausdruck in seinen Augen, den sie später so oft bei Geoffrey beobachtet hatte. Eine leichte Röte zeichnete sich auf ihren Wangen ab und wirre Gedanken tanzten durch ihren Kopf, während sie sich schnell erhob.
„Wenn Ihr noch länger bei Hofe weilt, so wird dies sicher geschehen, Mylord. Doch nun muss ich Euch leider verlassen. Der König erwartet mich.“
Mit diesen Worten drehte sich Viola um und schritt schnell den Gang hinab. Es geschah selten, dass sie so sehr die Fassung verlor und es gefiel ihr nicht. Erstaunt sah ihr der junge Adelige nach, dann schien ihm noch etwas einzufallen und er lief einige Schritte hinter Viola her.
„Mylady! Bitte verratet mir noch Euren Namen, bevor Ihr geht!“
Die Winterprinzessin hielt inne und drehte ihren Kopf zu dem jungen Mann. Ein geheimnisvolles Lächeln erhellte ihr Züge, bevor sie sprach.
„Mein Name ist Viola Shaw.“
Dann setzte sie ihren Weg durch Schloss Stormhaven fort und ließ ihn mit dieser Enthüllung allein.

***

Nachdem die Nacht über Stormhaven hereingebrochen war und Charlaine in ihr dunkles Tuch tauchte, lag Viola unruhig in ihrem Bett und konnte keinen Schlaf finden. Sie hatte den halben Tag damit verbracht, herauszufinden, wer der Fremde war und es war ihr schließlich auch tatsächlich gelungen. Die Entdeckung seiner Identität machte es jedoch nicht leichter für sie, im Gegenteil. Lord Andrew war ein Cousin Geoffreys und damit hatte sie auch der Grund für diese unglaubliche Ähnlichkeit enträtselt. Bilder aus der Vergangenheit tanzten durch Violas Gedächtnis, Bilder von Geoffrey Winterbourne, dem Mann, den sie hatte heiraten wollen. Er war ihre erste Liebe gewesen, ein strahlender Stern am Hofe Alvionas – charmant, geschickt, gewandt, gut aussehend. Und er hatte Viola als die Frau an seiner Seite gewählt, seine Ritterliebe, bis eine profitablere Heiratsgelegenheit aus den Windlanden aufgetaucht war. Geoffrey hatte nicht lange gezögert, als es Violas Schönheit gegen den Reichtum dieser Frau und ihrer Familie auszutauschen galt und das damals noch sehr junge Mädchen hatte diesen Verrat lange nicht verwinden können.
Geoffreys Ehefrau hatte Viola von der ersten Begegnung an gehasst und diese hatte es ihr gleichgetan. Und nun, wo Viola endlich den alten Schmerz überwunden geglaubt hatte, erschien dieser Mann bei Hofe und riss die alten Wunden erneut auf. Verzweifelt vergrub sie den Kopf in ihrem Kissen und versuchte an nichts mehr zu denken. Sie klammerte sich an das Bild von Sir Jack in ihren Gedanken, der ihr geholfen hatte, zu vergessen, auch wenn sie es niemals zugelassen hätte, dass er davon erfuhr. Andererseits sollte sie Geoffrey in der Tat dankbar sein, denn ohne seinen Verrat wäre sie niemals zu dem geworden, was sie nun war. Eine Frau, die dem König nahestand und an seinem Hof aufgestiegen war wie ein Komet, der des Nachts den Himmel erleuchtete und bisher noch nicht wieder verglüht war.

Schließlich versiegten die Gedanken, die in Violas Kopf tobten und sie fand den Schlaf, der sich ihr so lange versagt hatte.
Am nächsten Morgen erwachte Viola mit hämmernden Kopfschmerzen und war noch blasser als gewöhnlich. Auch der Blick in den Spiegel zeigte deutlich die Nacht, die hinter ihr lag und der gesamte Hof würde Spaß daran haben, wenn er sie zu Gesicht bekam, dessen war sie sich sicher. Seufzend trat Viola zu dem Schrank, in dem sich ihre Kleider befanden, und inspizierte sie sorgfältig. Heute bereute sie es, dass sie normalerweise die Hilfe einer Zofe ablehnte, die ihr beim Ankleiden und frisieren half, um sich ein wenig mehr Unabhängigkeit zu bewahren – zumindest, insofern es bei der höfischen Mode im Bereich des Möglichen lag.
Sie hatte noch nicht lange damit begonnen, als es an der Tür klopfte. Es war ein ihr unbekannter Diener, der ihr nach einer tiefen Verbeugung eine Nachricht auf einem silbernen Tablett reichte und dann auf der Stelle wieder verschwand.
Erstaunt blickte Viola ihm hinterher. Nachrichten zu solch früher Stunde waren unüblich und verhießen zumeist nur wenig Gutes. Gerade, als sie die Tür wieder schließen wollte, fiel ihr Blick auf eine einzelne, rote Rose, die auf dem Boden vor ihren Gemächern lag. Ein kleines Stück Pergament war um ihren Stiel gewickelt und Viola zog es neugierig ab, um ihn zu lesen. Ein Lächeln fand den Weg auf ihre Züge, als sie damit fertig war. Sir Jack besaß eine sehr romantische Ader, auch wenn er sie zeitweilig gut zu überdecken vermochte.
Ein leises Knistern in ihrer Hand rief sie jedoch schnell wieder in die Wirklichkeit zurück und das leicht verträumte Lächeln erlosch, als sie sich an die Nachricht erinnerte.
Schnell brach sie das ihr fremde Sigel auf und faltete das Briefchen auseinander. Auch die Handschrift war Viola nicht bekannt und eine Unterschrift fehlte ebenfalls.
Abermals seufzend faltete sie die Nachricht wieder zusammen. Diese Einladung in den Schlossgarten war in der Tat merkwürdig, doch die Neugier siegte über den Verstand und Viola beschloss, sich den geheimnisvollen Schreiber etwas näher anzusehen.