Winterprinzessin – Teil 4

Die Stunden bis zum Nachmittag vergingen recht schnell, denn schließlich hatte Lady Viola ihre täglichen Pflichten zu erfüllen. Schnell streute sie Sand auf die noch feuchte Tinte des letzten Briefes und steckte die Feder in ihre Halterung zurück. Es wurde Zeit für das im Schlosspark angesetzte Treffen mit dem Fremden, der offenbar gerne ein Geheimnis aus seiner Identität machte.
Schnell warf sich Viola den hellblauen, mit schneeweißem Pelz besetzten Mantel über ihre zarten Schultern, in dem sie noch schnell ein kleines Messer in einer geheimen Tasche verstaute, dann huschte sie in die Gänge Stormhavens hinab, die in die Gärten des Schlosses führten.
Die Schlossgärten besaßen im Winter einen besonderen Zauber, wenn der glitzernde Schnee die grünen Wiesen und die Obstbäume mit seinem weißen Kleid überzog, die in den warmen Jahreszeiten einen Kontrast zu den weißen Mauern Stormhavens bildeten.
Schnee knirschte leise unter Violas Füßen, als sie die verschneiten Pfade hinablief und sich zu der kleinen Bank begab, die vor dem vereisten Teich aufgestellt worden war. Von Zeit zu Zeit konnte man einen leuchtenden Fisch unter dem Eis vorbeiflitzen sehen und Viola sah ihnen eine Weile zu, bis sie leise Schritte hinter sich hörte und nervös herumfuhr, um den Neuankömmling zu mustern.
Die friedliche Stimmung des Tages hatte ein Ende gefunden, als sie in das lächelnde Gesicht von Lord Andrew blickte, der den Weg entlang kam. Das normalerweise so bezaubernde Lächeln gefror auf Violas Gesicht, als Lord Andrew nahe genug gekommen war und sich über ihre Hand beugte, um einen leichten Kuss darauf zu hauchen. Viola unterdrückte den plötzlichen Impuls, davonzulaufen, als schon seine Stimme erklang und ihre Flucht verhinderte.
„Ich bin sehr erfreut, dass Ihr gekommen seid, Mylady.“
Viola blickte kühl auf den Mann, der dort vor ihr stand, um die unangenehmen Gefühle zu überspielen, die sein Anblick erneut in ihr hervorgerufen hatte und sich ihren inneren Konflikt nicht anmerken zu lassen.
„Nun, Mylord, Ihr wählt einen sehr merkwürdigen Weg, um mich in den Park zu locken. Was hat Euch dazu veranlasst, Euren Namen zu verbergen? Schämt Ihr euch Eurer Herkunft oder wolltet ihr Spuren verwischen?“
Ein charmantes Lächeln erhellte das Gesicht des jungen Adeligen, als er leise auflachte, Viola dann zuzwinkerte und ihr seinen Arm darbot.
„Ich hatte befürchtet, Ihr würdet nicht kommen. Mir ist sehr wohl bekannt, dass Ihr meine Familie nicht in guter Erinnerung habt, Mylady. Und ich würde diese Tatsache sehr gerne ändern.“
Misstrauisch legte Viola ihre Hand auf den ihr angebotenen Arm und ging neben Andrew die Wege des Schlossgartens entlang, während er munter weiter auf sie einredete, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Sie hatte Mühe, zu Wort zu kommen, doch irgendwann musste selbst ein Winterbourne ein wenig Atem schöpfen und sie nutzte ihre Gelegenheit.
„Ich wüsste nicht, wie Ihr ändern solltet, was Euer Cousin getan hat. Mein Groll gilt nicht Euch, deshalb kann ich Euer Anliegen nur schwerlich nachvollziehen. Schließlich sind wir uns noch nie zuvor begegnet.“
Lord Andrew ließ sich von Violas Bemerkung nicht einschüchtern, ganz im Gegenteil, das Lächeln wich nicht von seinem Gesicht und er nickte, nachdem sie ausgesprochen hatte, was sie dachte.
„Das ist wahr, Lady Viola. Aber ich versichere Euch, dass es momentan mein einziger Wunsch ist, diesen unglücklichen Umstand zu ändern und Euch näher kennenzulernen.“
Er blickte der Adeligen tief in die Augen und hielt inne.
„Was Geoffrey getan hat, ist unverzeihlich, doch ich bin nicht so blind wie er und ich erkenne ein Juwel, wenn ich es vor mir sehe.“
Viola erstarrte und sah in die Augen, die jenen Geoffreys so ähnlich waren und die einen Menschen auf die gleiche Art bannen konnten, wie die seines älteren Cousins. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, doch diesmal geschah etwas anderes, denn ein anderes Bild schlich sich in Violas Geist und lenkte sie von Lord Andrews Anwesenheit ab. Es war das Gesicht von Sir Jack und Viola schüttelte den Kopf und entzog sich den Händen des anderen Mannes, der sie näher zu sich herangezogen hatte.
„Verzeiht mir, Lord Andrew, doch ich kenne Euch nicht, und selbst wenn Ihr meint, ein Juwel in mir zu erkennen, so behalte ich es mir doch vor, mir selbst auszusuchen, wen ich in meiner Nähe haben möchte und wen nicht.“
Die Winterprinzessin hatte ihren kühlen Kopf wiedergefunden und sie hatte nicht die Absicht, sich noch einmal von einem Winter einfangen zu lassen und am Ende gegen eine profitablere Dame eingetauscht zu werden.
Lord Andrew verzog keine Miene und neigte entschuldigend den Kopf, bevor er den gebührenden Abstand einnahm. Trotz dieser deutlichen Worte ließ er sich nicht entmutigen und zögerte nicht lange, bevor er nachsetzte.
„Ich bin derjenige, der um Verzeihung bitten muss, Mylady. Aber ich bitte Euch, entzieht mir nicht sofort Eure Gesellschaft, sondern geht noch eine Weile mit mir durch den Park. Der Tag ist zu schön, als dass man ihn vergeuden sollte.“
Viola nickte knapp und nahm erneut den Arm des Mannes an. Lord Andrew besaß eine Art, die es nicht zuließ, dass man ihn lange ablehnte oder ihm gar böse war und die Zeit verging schnell, bis er sich schließlich von Viola verabschiedete, sie jedoch darum bat, sie am nächsten Tag wiedersehen zu dürfen. Doch sie war noch nicht dazu bereit, ihm diesen Wunsch zu gewähren und blieb unverbindlich.