Winterprinzessin – Teil 5

Nachdem der Lord gegangen war, fühlte sich Viola allein und ihre Verwirrung trug noch einiges dazu bei, dass sie sich nicht wohlfühlte. Was wollte dieser Mann von ihr? Sicher, er war durchaus charmant und schien sie aufrichtig zu bewundern, doch es schien mehr hinter seinen Bemühungen zu stecken, als er preisgab.
Wenn sie in seiner Gegenwart nur einen vollkommen klaren Kopf behalten könnte! Lord Andrew war Geoffrey in mehr als nur einer Hinsicht sehr ähnlich. Nachdenklich verbrachte Viola den Rest des Abends auf ihrem Zimmer. Lord Andrew Winter sollte kein solch leichtes Spiel mit ihr haben, wie Geoffrey damals, das schwor sie sich.
Sie war nicht mehr das junge, unschuldige Mädchen, das sich von tollkühnen Taten und einem netten Lächeln bezaubern ließ. Winterbourne hatte sie beinahe in einem schwachen Moment erwischt, doch nun hatte sich die erste Woge der Verwirrung gelegt und Viola fand langsam ihre Entschlossenheit wieder. Andrew war nicht Geoffrey und mit dem Wissen, das sie heute besaß, würde sie Geoffrey ohnehin nicht mehr nachgeben – zumindest hoffte Viola dies inständig.

***

In dieser Nacht schlief sie nur wenig ruhiger, als in der Nacht zuvor. Eine merkwürdige Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt, die eine Warnung zu sein schien. Doch wovor wollte sie sie warnen? Viola vermochte es nicht herauszufinden.
Zumindest aber befand sie sich am nächsten Tag in einem besseren Zustand als am Morgen zuvor. Ein wenig wehmütig dachte sie an das Stadthaus ihrer Eltern, in dem sie sich nun lieber befunden hätte, doch die Pflicht ließ es nicht zu, dass sie ihre Mutter, Lady Fiona Shaw, aufsuchen konnte, um Rückhalt zu finden. James benötigte Viola momentan im Schloss und war nicht bereit, sie gehen zu lassen, bevor der neue Botschafter aus Torego alle seine kleinen Geheimnisse verraten hatte.
Trotz allem brauchte Viola ein wenig frische Luft und so trat sie nach einem schnellen Gang durch das Schloss auf den zu so früher Stunde noch beinahe leeren Schlosshof hinaus.
Sie war noch nicht lange in der morgendlichen Kälte unterwegs, als sie das helle Geräusch zweier aufeinandertreffender Klingen vernahm. Erschrocken blieb Viola stehen und wartete einige Herzschläge lang ab, dann ging sie vorsichtig weiter, als ihre Neugier auf die Quelle des Lärms siegte.
Viola musste nicht lange suchen. Sie trat langsam zu einer Mauer, hinter der die Geräusche lauter wurden, und blickte durch den Torbogen hindurch, der den Durchgang zu ihrer anderen Seite bildete. Ein wenig verwundert rieb sich Viola die Augen und sah erneut auf die Kämpfenden. Sir Jack schien heute Morgen ganz in seinem Element, denn er trieb einen anderen Ritter des Königs mit großen Worten und launigen Bemerkungen in einem, wie die Winterprinzessin hoffte, freundschaftlichen Kampf vor sich her.
Versonnen sah Viola den beiden Männern bei ihrem Schlagabtausch zu. Aufgewirbelter Schnee stob in alle Richtungen, als sich die Kontrahenten durch den winterlichen Garten bewegten und dabei ihre Spuren hinterließen.
Der Kampf dauerte noch eine ganze Weile an, bis beide schließlich die Degen senkten und sich verabschiedeten. Jack blieb allein zurück und zog sich im bitterkalten Garten das leichte Hemd über den Kopf. Noch immer hatte er Viola nicht bemerkt, die sich hinter dem Torbogen verbarg.
Er kniete sich neben den Teich und spritzte sich das kühle Nass, das er vorher vom Eis befreit hatte, in sein Gesicht, um sich zu erfrischen. Trotz ihres Feenblutes erschauerte Viola, doch lag es an der Vorstellung des eiskalten Wassers auf ihrer Haut oder eher am Anblick des muskulösen, halb nackten Ritters? Viola vermochte es nicht zu sagen und sie wagte es nicht, ihre Gefühle zu ergründen. Langsam trat sie aus ihrem Versteck hervor.
„Nanu, Sir Jack? Vor Kurzem zeigtet Ihr Euch noch so um meine Gesundheit besorgt und nun lauft ihr nackt im Garten umher? Ihr wollt Euch doch nicht etwa dem Zugriff Lady Ailiths durch eine Erkältung entziehen?“
Erschrocken fuhr Jack beim Klang ihrer Stimme zusammen und eine leichte Röte breitete sich auf seinen Wangen aus.
„Keineswegs, Mylady. Ich arbeite nur daran, meine Pflichten möglichst effektiv erfüllen zu können. Außerdem dient es am Ende nur der Krone, wenn ich ihre Ritterschaft in Form halte.“
Jack lächelte Viola entwaffnend an und zog sich sein Hemd über den Kopf. Dann bot er ihr auffordernd seinen Arm an.