Winterprinzessin – Teil 6

„Aber wo Ihr schon einmal hier seid, könntet Ihr mir auch die Ehre Eurer reizenden Gesellschaft während eines kleinen Spaziergangs erweisen, Mylady.“
Jack zwinkerte Viola mit einem ganz und gar unschuldigen Grinsen zu und sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Ein schelmisches Lächeln erhellte Violas Züge für einen Moment, als sie ihm einen Blick von der Seite zuwarf.
„Nun gut, da ich noch immer einen Funken Hoffnung besitze, dass sich Euer Hitzkopf eines Tages abkühlen wird, werde ich Euch begleiten. Vielleicht hilft die kühle Luft dabei.“
Jack quittierte diese Bemerkung mit einem noch unschuldigeren Blick als zuvor und legte mit gespieltem Entsetzen die Hand auf sein Herz.
„Aber Mylady! Ihr kränkt mich zutiefst! Das würdet Ihr zumindest, wenn ich nicht wüsste, dass Euch eben dieser Hitzkopf sehr gefällt.“
Entrüstet blickte Viola Jack an und setzte zu einer passenden Bemerkung an, doch dann entschied sie sich dafür, es dabei zu belassen. Lachend liefen beide nebeneinander her.
Sir Jack war vollkommen anders als Andrew oder Geoffrey. Kein aufgeputzter Höfling, der wegen eines kleinen Flecks auf seinen Kleidern die Dienerschaft hart bestrafte und mit gespaltener Zunge redete. Er war ein Mann der Tat, ungestüm und lebendig, so lebendig, dass Viola sich schon bald lachend und vollkommen überhitzt in einer Schneeballschlacht wiederfand, sobald er die Gelegenheit dazu gesehen und genutzt hatte.
Ausgelassen und laut lachend wie Kinder, tobten die Lady und der Ritter durch den Schnee und vergaßen alles um sich herum, während sie sich gegenseitig mit Schnee bestäubten und versuchten, dem weißen Pulver auszuweichen. Keiner von beiden achtete mehr auf ihre Umgebung. Schließlich war Viola unachtsam geworden und stolperte, als sie vor Sir Jack davonlief. Dieser zögerte nicht lange, fing sie ein und hielt sie fest, damit die Winterprinzessin ihm nicht entkommen konnte.
Viola wand sich in seinen Armen, doch der Ritter war wesentlich stärker als sie und machte jeden ihrer Versuche mit Leichtigkeit zunichte, ohne sich anstrengen zu müssen. Das silberblonde Haar Violas hing in wilden Strähnen in ihr Gesicht und beide atmeten schwer von ihrem Spiel und sahen sich in die Augen, versuchten, die Gedanken des anderen vorherzusehen.
Gerade, als Viola sich losreißen wollte, um Jack doch noch zu entkommen, nutzte er die Gelegenheit und zog die kühle Adelige an sich heran, küsste sie, während sie sich näher an ihn drängte und ihre Arme verlangend um seine breiten Schultern schlang.
Keiner von beiden achtete mehr auf höfische Vorgaben oder auf die dunkle Gestalt, die dort, hoch oben, aus einem Turmfenster Stormhavens auf sie herabsah und sie mit düsteren Blicken beobachtete.