Zwischenspiel – Teil 1

- Eine kleine Szene aus dem Leben von Lukrezia und Andrea Luca nach den Geschehnissen in “Kurtisanen leben gefährlich” – diesmal aus der Sicht des Adeligen. Allerdings empfiehlt es sich, diese nicht zu lesen, wenn man Lukrezia noch nicht kennt bzw. noch nicht bis zum Ende gelesen hat, da sie einiges über den Ausgang des Romans verrät. Zeitlich befinden wir uns ziemlich genau zwischen Band 1 und Band 2. -

Noch kein Jahr war seit dem Tag vergangen, an dem Pascale Santorini im Rahmen seines Balles die Verlobung seines Neffen Andrea Luca mit Prinzessin Delilah von Marabesh bekannt gegeben hatte. Die Erinnerung an jenen Tag war noch frisch in den Köpfen des Adels verankert, führte zu mancher Tuschelei, wenn man an die Szenen zurückdachte, die sich zwischen den Männern auf der Galerie des Ballsaales abgespielt hatten. Seitdem war der große Ballsaal nicht mehr benutzt worden, hatte für eine lange Zeit geruht, während der der kleinere Spiegelsaal für die intimeren Veranstaltungen vorgezogen worden war. Man erzählte sich nur zu gerne davon, dass der junge Fürst die Schatten der Vergangenheit mied, sich nicht dem Andenken an seinen Onkel stellen wollte, der oft von diesem Saal ausgehend seine Ränke und Intrigen gesponnen hatte.
Es war an der Zeit, den Vermutungen ein Ende zu bereiten.
Andrea Luca lehnte nachdenklich an der Wand, die der Tür gegenüberlag, durch die er die Galerie betreten würde. Die Lautstärke im Inneren des Ballsaales machte deutlich, dass mittlerweile der größte Teil der Gäste eingetroffen sein musste – bis auf jene, die nur zu gerne zu spät erschienen, um sich einen großen Auftritt zu verschaffen. Es war nahezu ein inoffizieller Wettstreit, ein Kampf um die größtmögliche Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, als er daran dachte, war er doch selbst stets derjenige gewesen, der als Letzter auf jedem Fest erschien und damit alle Blicke auf sich zog. Gerne hatte man ihm dies als Eitelkeit ausgelegt, wollte darin nicht viel mehr sehen als die Tatsache, dass er es liebte, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Die Wahrheit jedoch war dunkler, als es so mancher ahnen mochte. Es war der einzige Weg zur Rebellion, der einzige Weg, einem Leben zu entkommen, das Pascale Santorini und seine eigene Mutter bis in das kleinste Detail hatten bestimmen wollen. Er hatte es zu seinem Zeichen gemacht, einer Signatur des Widerstandes gegen die Zwänge, die ihm seit seiner frühesten Kindheit auferlegt worden waren.
Doch dies gehörte zu einem anderen Leben. Es bedurfte keines großen Auftritts mehr, um die Augen aller auf seine Person zu ziehen. Pascale Santorini war Vergangenheit und Andrea Luca Santorini war der Fürst über Ariezza. Es war ein Leben, das er sich nicht gewünscht hatte, doch eine Wahl war ihm nicht geblieben. Sein Lächeln erlosch und wer den Fürsten in diesen stillen Augenblicken zu Gesicht bekam, mochte sich über die düstere Miene wundern, die er zur Schau trug.
Erst ein leises Rascheln, das über den marmornen Boden des Palazzo glitt, weckte ihn aus seiner Starre und brachte das Leben in seinen Körper zurück. Er musste die Gestalt nicht sehen, die hinter ihm den Raum betreten hatte, er konnte ihre Anwesenheit auf eine Art und Weise spüren, die wohl so mancher Artista Kopfschmerzen bereitet hätte. Der Gedanke brachte das Lächeln auf seine Lippen zurück, als Lukrezias Arme um seine Taille glitten und er sie schließlich stumm in seine Arme zog, um den winzigen Moment der Ruhe mit dem einzigen Menschen zu teilen, für den er sofort sein eigenes Leben gegeben hätte, ohne es jemals zu bereuen.
Schließlich war es ihre dunkle Stimme, die das Schweigen brach.
„Es wird Zeit zu gehen, mein Fürst. Eure Gäste erwarten Euch, um ihre Neugier zu stillen.“
Die Ironie schwang deutlich hörbar in Lukrezias Worten mit und es fiel ihm nicht schwer, ihre Gefühle anhand ihres Tonfalles zu deuten.
„Die Neugier darauf, wie gut ich es verstehe, mich mit dem Andenken meines Onkels zu messen. Der Adel Ariezzas möchte ein gutes Schauspiel geboten bekommen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie Wetten abgeschlossen hätten, wie gut ich mich in Pascales Fußstapfen zu behaupten vermag.“
Ein schiefes Lächeln zog über seine vollen Lippen. Der Adel Terranos glich nicht selten einem Rudel hungriger Hyänen, die darauf warteten, dass ihr Opfer eine Schwäche offenbarte, auf die sie sich stürzen konnten.
„Ich nehme an, dass dich diese Herausforderung keineswegs in Angst und Schrecken versetzt, nicht wahr? Und ich glaube, dass sie es noch weitaus lieber sehen würden, wie du mich vor ihren Augen verstößt und gegen eine reinblütige Artista austauschst. Es wäre eine Darbietung, die eines Santorini würdig wäre.“