![]()
Es ist eine merkwürdige Aura, die über Philaidos liegt. Es ist ein Gefühl der Melancholie und des Verfalls, wenn man die bröckelnden, zerfallenen Gebäude und Statuen aus der Vergangenheit betrachtet. Es sind die Tempel, die man zu Ehren der alten Götter erbaut hat und die nun schon lange verlassen sind. Traurige Überbleibsel alter Kulte, die zu einer reinen Erinnerung verblasst sind und die einst in diesem Teil des karamaykischen Reiches ihre größte Blüte erlebt haben. Beinahe ist es, als ob man die Geister der Vergangenheit in Philaidos noch immer zu spüren vermag, als ob die Helden alter Sagen und Mythen unter dem raschelnden Laub der Bäume hervortreten, die Götter sich in anderen Gestalten verbergen und ihr Reich verlassen, um den Sterblichen ihre Aufgaben zu stellen. Und tatsächlich lebt die alte Religion der Karamayken in Philaidos weiter, wenn auch nur in Form jener sportlichen Wettkämpfe, die seinerzeit zu Ehren der Götter stattgefunden haben und deren Sieger in höchsten Ehren gehalten worden sind, während die Verlierer Schimpf und Schande zu ertragen hatten. Auch das Wissen und seine Vermittlung spielen eine große Rolle im Leben der Philaiden und so ziehen sich Schulen und Universitäten durch alle Städte dieses Gebiets. Speziell Minos, die Hauptstadt des karamaykischen Reiches, gilt als die Geburtsstädte der Philosophie und einige der klügsten Köpfe des Landes, einige der begabtesten Dichter, haben diese Stadt ihre Heimat genannt. Minos ist seit den Tagen der Antike das Zentrum der kulturellen Blütezeit und die riesigen Theater und großen Bibliotheken, die sich über der Stadt erheben, tragen bis heute Zeugnis davon. Weite Plätze haben die Reden berühmter Denker vernommen und so ist es bis heute Tradition, dass am Stein der tausend Stimmen jeder offen aussprechen darf, was ihm auf dem Herzen liegt. Und genau dies hat das Fundament für den Sturz des Königs gelegt, denn wann immer Alkandros den flachen Stein in der Mitte des ihn umgebenden Platzes betreten hat, hat sich das Volk versammelt, um ihn anzuhören und die Sehnsucht nach Freiheit in seinem Herzen aufkeimen und wachsen zu lassen. Sicherlich ist Philaidos eine sehr geschichtsträchtige Gegend. Hier wurden legendäre Schlachten geschlagen und jeder Philaide kann noch heute von der großen Seeschlacht der Karamayken gegen die Marabeshiten berichten, die vor Jahrhunderten vor der Hauptstadt Minos stattgefunden hat. Und natürlich ist es diese Schlacht, aus der die Karamayken mit Hilfe einer List siegreich hervorgegangen sind, von der heute oft erzählt wird und die dem Volk Mut macht. Und auch jetzt ist Philaidos wieder im Mittelpunkt historischer Ereignisse, denn die Stürmung des Königspalastes in Minos durch das erboste Volk und die Gefangennahme von König Nikomedes sind noch frisch in aller Munde und die Narben, die die Zeit der Unruhen geschlagen hat, sind gut sichtbar und noch lange nicht verheilt. Momentan wird ausgehend vom ehemaligen Tempel der Hekara versucht, eine angemessene neue Staatsform auf der Basis antiker Schriften zu schaffen, die dem Volk die Rechte gibt, nach denen es sich sehnt. Dieser Prozess wird natürlich speziell von den Monarchien der anderen Länder argwöhnisch beobachtet, hat die Revolution in Karamaykos doch deutlich gemacht, wie verletzlich die Königshäuser in Wirklichkeit sind. Durch die Besetzung Xardessias bleibt allerdings nur wenig Zeit für Reformen und die Erschaffung einer Demokratie – sollte Sultan Alim sich erholen oder einer der Emire Marabeshs an die Macht gelangen, ist das aufgewühlte und angeschlagene Karamaykos verletzlicher denn je. Xardessia, das Opfer des Königs an die Marabeshiten. Seit acht Jahren ist dieser Landesteil von Marabesh besetzt und Syparna, die einst legendäre Metropole der Tiberer im Osten Eldareas, musste sich an die neue Macht anpassen, die von dem einstigen tiberianischen Kaiserpalast aus nach der Herrschaft über das ganze Land greifen will. Doch selbst wenn die Marabeshiten Syparna nach ihrem Willen umgeformt haben und die Zeichen ihrer Anwesenheit unübersehbar sind, so ist das Volk Xardessias noch lange nicht gebrochen. Die Xardessier haben die Herrschaft der Tiberer überstanden und sie werden auch die Marabeshiten überleben. Dies ist das feste Credo der Bevölkerung, die sich rund um geheimnisvolle Seen und dichte Wälder in versteckt liegenden Dörfern angesiedelt hat. Es ist die Aura des mysteriösen, das Prickeln der Magie, die über Xardessia liegt, die einen Besucher sogleich in den Bann zu ziehen vermag. Denn Xardessia ist die Heimat der Seherinnen, jener Frauen, die in ihrem eigenen Landesteil hoch angesehen sind, im Rest von Karamaykos jedoch gefürchtet werden. Die xardessischen Hexen erfüllen die Karamayken seit jeher mit Ehrfurcht. Geboren als Töchter der Göttin Aura, die den Seherinnen ihre magische Kraft geschenkt hat, sind sie ein Überbleibsel der alten Götter, das auch der Edeaglaube nicht verdrängen konnte. Und so kommen die Seherinnen aus dem ganzen Land in jedem Jahr am Orakel von Astraia zusammen, um ihr Wissen weiterzugeben, neue Töchter der Hekara in ihren Reihen aufzunehmen und ihre Rituale zu begehen. Noch immer wird Aura, die Gemahlin des Marxus, Göttin des Morgenlichtes und der Heilkunst in Xardessia in Ehren gehalten und die Tempel der alten Götter sind niemals dem Verfall überlassen worden. Und tatsächlich, auch wenn Xardessia offiziell von dem marabeshitischen Emir Fayiz Al-Gabir regiert wird, so ist es doch Khryseis, die man die erste Tochter der Aura nennt, die von den Xardessiern als ihre wahre Königin verehrt wird. Ganz Karamaykos mag der Veränderung unterworfen sein und in den Wehen einer Wiedergeburt liegen, doch Xardessia wird davon kaum berührt. Denn es gibt keine andere Richtung als jene der weisen Frauen, der es zu folgen gilt. Tharios, der fruchtbarste Teil des Landes und somit der beste Lieferant all jener Erzeugnisse, die man in Karamaykos und der restlichen Welt lieben gelernt hat. Es sind die Olivenhaine im Osten, die ihr feines Öl spenden, die Weinberge im Westen mit ihren harzigen, hellen Weinen, die man hier zu schätzen weiß und die den Thariossiern ein angenehmes Leben im Wohlstand bescheren. Und mit Sicherheit ist der Ziegenkäse der hiesigen Bauern der beste, den man in ganz Karamaykos zu finden mag, die Wolle der gut genährten Schafe fein und zart, was sich auch in ihren Stoffen widerspiegelt. Ja, man bezeichnet die Thariossier gerne als Kinder des Glücks und beneidet sie sogar ein wenig. Thariossier stehen in dem Ruf, das Leben zu genießen und immer auf den Füßen zu landen. Hier liebt man Geselligkeit in den Abendstunden, Musik und Tanz und weiß im Allgemeinen, wie man sich das Leben so angenehm wie möglich gestaltet. Das bedeutet jedoch nicht, dass Thariossier faul wären – natürlich arbeiten sie hart für ihre Zufriedenheit, wissen jedoch um das Geheimnis, sich trotzdem Ruhe zu gönnen. Der Thariossier überhastet nichts und besitzt eine natürliche Gelassenheit, die ihn seine Umgebung erst genau beobachten lässt, bevor er handelt. Folglich lässt sich die Bevölkerung von Tharios auch von den Geschehnissen in Philaidos nicht aus der Ruhe bringen. Revolutionäre Gedanken sind in diesem eher ländlich geprägten Gebiet fremd und so lässt man sich nicht von der Hysterie anstecken, die in Minos ausgebrochen ist. Entsprechend wird Tharios noch immer von dem Fürsten Georgios Baras verwaltet, der zwar ein besorgtes Auge auf den Geschehnissen in Philaidos ruhen lässt, bei seinem Volk jedoch so beliebt ist, dass er sich vorerst keine allzu großen Sorgen um seinen Stand machen muss. Der Fürst gilt als volksnaher und gütiger Lebemann – es ist recht unwahrscheinlich, dass die Thariossier sich den Mühen unterwerfen, den fähigen Politiker zu stürzen, so lange es ihnen unter seiner Herrschaft gut geht. Khordas, der Teil Karamaykos, der das berühmte Dareiusgebirge beheimatet, die legendäre Heimat der Götter, die sich auf dem höchsten Gipfel des Gebirges, dem Titanos, befinden soll, der weit hinauf in die Wolken sticht. Und tatsächlich fühlt sich so mancher Bewohner der Hauptstadt Athara, die sich am Fuße des Titanos in die Höhe windet, den Göttern besonders nah, was nicht verwunderlich erscheinen mag, wenn man diese weiße Marmorstadt erblickt, die von hohen Tempeln, Götterstatuen, gepflegten Gartenanlagen und plätschernden Brunnen geprägt ist. Marxus selbst soll es gewesen sein, der Athara als Heim seiner treusten Kinder gegründet hat und so kann man hier allerlei Geschichten um das Erscheinen des Gottes und seine sehr menschlich anmutenden Abenteuer hören. Doch das Dareiusgebirge ist in seiner Weite nicht nur das Heim der Götter. Auch viele monströse, mythische Gestalten sollen sich hier angesiedelt haben und die Legenden der Helden, die sich in die unergründlichen Tiefen der Höhlen im Inneren des Gebirges aufgemacht haben, um schöne Jungfrauen zu retten oder Monster zu erschlagen, die das Volk bedroht haben, sind nahezu unerschöpflich. Das berühmte Grollen, das von Zeit zu Zeit aus dem Gebirge hervordringt, ist die beste Nahrung für die Vorstellungskraft und lässt schnell eine gewaltige Hydra oder eine Chimäre vermuten, die in der der Dunkelheit lauert. Auch heute genießt das Gebirge einen sehr zwiespältigen Ruf und zieht Abenteurer an, die in seinem Inneren unermessliche Schätze vermuten – oder auch die Hinterlassenschaften unglücklicher Helden, die ihre Mission erfolglos beenden mussten. Die Khordaner, die sich in den Städten dieser Region angesiedelt haben, neigen ein wenig zur Überheblichkeit. Denn selbst wenn der Edeaglauben die alten Götter schon lange verdrängt hat, so war Khordas schließlich ihre auserwählte Heimat. Trotzdem ernährt sich die Bevölkerung auf eine recht einfache und traditionelle Weise – denn der Fischfang ist es, der Khordas am Leben hält, neben den Bodenschätzen, die das Dareiusgebirge zu bieten hat. In Khordas herrscht eine große Unsicherheit, ob man sich der Revolution in Philaidos anschließen soll. Der Adel zittert bei dem Gedanken an das, was kommen mag, während die einfache Bevölkerung noch zaudert. Schließlich sind die Khordaner kaum so kriegerisch eingestellt wie die Philaiden. Doch der kluge und äußerst ambitionierte Fürst Vasilios Sophos sieht noch weitaus mehr in dieser Zeit des Umbruchs und des Neubeginns – denn böte sich nun, da das Land in Scherben liegt, nicht endlich die Gelegenheit zu einer Selbstständigkeit Khordas, die zuvor durch die Herrschaft des Königs kaum möglich war? Die Gespräche mit Emir Al-Gabir lassen Vasilios jedenfalls auf eine sehr rosige Zukunft für sich und sein Land hoffen, wenn er sich zu einer gewissen Zusammenarbeit bereiterklärt. Und an Redetalent und Überzeugungskraft hat es dem Fürsten noch niemals gemangelt. |