~ Drachenblut ~
- Ein sehr kurzes Kurzgeschichtchen über Helena, die Dame mit dem lebendigen Drachentattoo aus Falkenland, die sicher schon an die
drei Jahre alt ist. Eigentlich würde ich diese Figur bei Gelegenheit gerne weiter entwickeln und ihre Geschichte mit dem ersten Vampir,
Victor Serban, erzählen, da Helena mir sehr am Herzen liegt. Für den Moment bleibt es aber wohl erstmal bei dieser Handvoll Zeilen. -
Hat mal irgend jemand einen Eimer Zeit für mich übrig?! Nein? Schade...
s war noch früh am Morgen und die Sonne hatte gerade erst damit begonnen,
sich einen Weg durch die geschlossenen Fensterläden des Gasthauses ‚Zum
springenden Hirsch‘ zu suchen, in dem Helena Winterberg, die überall nur als
‚Die Märchensammlerin‘ bekannt geworden war, langsam erwachte.
Schlaftrunken öffnete die goldblonde Frau ihre blauen Augen und ließ den noch
trüben Blick durch ihr Zimmer wandern, lauschte dem regelmäßigen Atem des
Mannes, der neben ihr in den Laken des duftenden Holzbettes lag und noch immer
im Reich der Träume gefangen war.
Mit einem beinahe zärtlichen Blick, den man niemals von der normalerweise so kühlen
Frau erwartet hätte, ließ sie ihre Augen über seinen nackten Rücken gleiten,
der sich bei jedem Atemzug hob und senkte und bewunderte das Spiel der Muskeln
unter der von der Sonne gebräunten Haut, hob langsam die Hand, um sie zu berühren
aber ließ sie dann doch wieder sinken. Welchen Sinn hatte es, ihn aufzuwecken,
wenn der Abschied doch nur schmerzlich werden würde? Nein, es war besser
einfach zu verschwinden, ohne daß er es bemerkte.
Ein kurzer, feiner Schmerz durchzuckte das Herz der Falkenländerin, als sie den
Mann mit dem dunklen Haarschopf betrachtete, mit dem sie in den letzten Wochen,
während sie sich in Stolzenburg aufgehalten hatte, ihr Bett geteilt hatte und
Bedauern breitete sich in ihr aus, lähmte sie sogar in ihrem Entschluss.
War es wirklich richtig zu gehen? Es war selten, daß sie einen Mann antraf, der
sich von dem Drachen auf ihren Schultern nicht erschrecken ließ, der in das
smaragdgrüne Auge dieses Wesens blicken könnte und seine Stimme vernahm, ohne
aus ihrem Bett und aus ihrer Nähe zu fliehen. David hatte sich nicht von den
Geschichten über Helena verschrecken lassen, er war an ihrer Seite geblieben
und hatte nicht darauf gehört, was andere über sie flüsterten, wenn sie vorüberging
und das Drachenblut in ihren Adern schwieg und ließ sie länger bleiben, als
sie es beabsichtigt hatte, obwohl sie alle Geschichten niedergeschrieben hatte,
die das Örtchen hergab.
Aber nun war es Zeit, weiterzuziehen und andere Länder kennenzulernen, endlich
den Geschichten zu entkommen, die man sich über sie erzählte und die sie zu
einem unmenschlichen Wesen machten, das nichts Gutes im Sinn hatte. Wenn sie die
Wahrheit gekannt hätten, hätte es sie womöglich in Erstaunen versetzt, doch
Helena hatte nicht die Absicht es jemals zu erzählen, denn ihr Schwur, den sie
dem Land geleistet hatte, war heilig.
Auch David würde an ihrer Seite weder Ruhe, noch Glück finden. Er würde die
gleiche Ablehnung erfahren wie sie und dies würde den lebenslustigen, jungen
Mann irgendwann zerstören und nur eine leere Hülle zurücklassen. Ihre Mission
war nicht die Seine.
Leise erhob sich die Märchensammlerin aus ihrem Bett und der goldene Drache auf
ihrem Rücken leuchtete in den ersten Sonnenstrahlen auf und streckte sich, nun
ebenfalls erwacht, als sie sich anzukleiden begann und öffnete die smaragdenen
Augen, um sich umzusehen.
„Ist es Zeit, weiterzuziehen, Drachenblütige?“
Die rauhe Stimme erklang in Helenas Kopf und sie antwortete ihr ebenso stumm,
darauf bedacht, den schlafenden Mann nicht aufzuwecken, während sie ihre
Habseligkeiten zusammensuchte und den Gurt des Rapiers um ihre Hüfte schlang.
„Ja, es ist Zeit. Die Welt und ihre Geschichten warten auf uns. In den
Falkenlanden gibt es keinen Platz mehr für Dich und mich. Wenigstens für eine
Weile.“
Sie spürte, wie der Kopf des Drachen nickte und sich sein Blick fragend auf
David richtete, der von diesem stillen Gespräch nichts hören konnte.
Mechanisch antwortete sie auf die unausgesprochene Frage und war selbst erstaunt
über den Schmerz, der ihre innere Stimme bewegte.