~ Drachenblut ~

„Nein, er kommt nicht mit uns. Er würde es nicht verstehen.“
Der Drache nickte stumm und schwieg nun, als Helena ihre Vorbereitungen beendet hatte und sich ihre Augen noch einmal auf den schlafenden Mann richteten, der schon bald erwachen würde, um sie nicht mehr vorzufinden. Ein leises Seufzen drang zwischen ihren Lippen hervor, als sie zu ihm hinüber ging und sich hinab beugte, um ihn ein letztes Mal zu küssen, bevor sie zu der Tür verschwand und hindurchgehen wollte, dann jedoch erschrocken innehielt, als seine Stimme in ihrem Rücken erklang.
„Du gehst also. Ja, das habe ich erwartet, seitdem ich Dich zum ersten Mal sah, doch ich dachte, Du würdest mir dabei in die Augen sehen.“
Mit klopfendem Herzen drehte sich Helena zu ihm um, eine Hand noch immer an dem Rahmen der Tür, die sie gerade hinter sich hatte schließen wollen. Also würde es nicht so einfach werden, wie sie gedacht hatte. Zögern breitete sich in ihrem Herzen aus und ließ sie unschlüssig werden, als die dunklen Augen des Falkenländers sie traurig, jedoch ohne einen Vorwurf anblickten.
„Ich kann nicht bleiben und Du kannst nicht mit mir kommen.“
Es war eine nüchterne Feststellung, die Helena dort traf und trotzdem zweifelte sie in diesem Moment an der Richtigkeit ihrer Aussage. David hatte inzwischen Anstalten gemacht, sich zu erheben und trug die Decke um seine Hüfte geschlungen, als er sich der Märchenerzählerin näherte, die versuchte, vollkommen kühl zu wirken und die keine Gefühlsregung auf ihrer Miene zuließ.
„Bist Du Dir da so sicher, Helena? Vielleicht wäre ich mit Dir gekommen und wir hätten Terra Edea gemeinsam bereist, um die Geschichten aller Völker zu sammeln. Wie kannst Du es wissen, wenn Du mich niemals gefragt hast?“
Davids Stimme war leise und der rauhe Unterton darin ließ die Falkenländerin erschauern. Sie bewegte sich nicht, als er sanft über ihre Wange strich und sie dann an sich zog, um sie noch einmal zu küssen.
Helena reagierte rein instinktiv und schmiegte sich an den Mann, der ihr noch einen Moment der Wärme schenkte, bevor sie alleine dort hinaus ging und über die Straßen des Falkenlandes verschwand, ganz gleich wohin der Wind sie tragen mochte.
Schließlich löste sich David von ihr und sah sie noch einmal aus diesen tief dunklen, rätselhaften Augen an.
„Ich weiß nicht, was das Schicksal für uns bereithält, doch ich weiß, daß Du nicht bleiben kannst. Vielleicht werden sich unsere Wege noch einmal kreuzen, wer weiß? Und dann bleibt immer noch genügend Zeit, herauszufinden, ob eine gemeinsame Zeit vor uns liegt. Doch nun geh, Drachenblütige. Geh und such Dein Schicksal. Ich werde Dich finden, ganz gleich wohin du gehst.“
Mit diesen Worten wandte er sich ab und Helena wartete nun nicht mehr länger, sie drehte sich um und durchschritt die Tür, zahlte dem Wirt, was sie ihm schuldig war, ohne wirklich zu bemerken, was sie tat. Es war wirklich Zeit zu gehen, wenn ein Mann ihr Herz berühren konnte, zu sehr würde dies ihr Geheimnis in Gefahr bringen.
Und so schritt sie hinaus in die neue Sonne des Tages, ließ ihren Blick über die grünen Weinberge gleiten, betrachtete für einen Moment die Schiffe, die über den Klarwasser segelten, weit in die Ferne, hinaus aus Falkenland, jenem märchenhaften Reich mit seinen dunklen Wäldern und seinen verzauberten Seen, den uralten Geheimnissen und den mythischen Wesen, die darin hausten und über deren Existenz sich die wenigen wirklich bewusst waren. Doch Helena wusste um sie und sie würde ihr Versprechen niemals brechen. Aber bevor sie zurückkehrte, war es Zeit, nach den verzauberten Gestalten der anderen Nationen zu suchen und ihre Geschichte in ihr großes, ledergebundenes Buch einzutragen, auf das sie niemals vergessen würden. Schließlich war selbst sie eine davon.

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