~ Musik der Dunkelheit ~

- Oi. Das hier ist eine gewisse Verirrung gewesen und eine Fortsetzung wird es wohl eher nicht geben. Das kommt dann dabei raus, wenn man sich das Phantom der Oper ansieht (hm, das muss 2003 gewesen sein) und die Geschichte mit Cocteaus "Die Schöne und das Biest" vermengt... *hüstel* -

nd einmal mehr schlug Cosette Devarre um Mitternacht die Augen auf, angezogen von etwas, das sie nicht verstand und dessen Ursprung sie nicht kannte. Noch halb in ihrem Träumen gefangen, schlug sie die Decke ihres hohen Himmelbettes zurück und wanderte, nur von dem dünnen Stoff ihres reinen, weißen Nachthemdes verhüllt, zu dem großen Fenster hinüber, das bei Tage das Sonnenlicht in ihr Zimmer ließ.
Doch das tröstende Licht des Tages war nun vergangen und wurde von den Geheimnissen der sternenklaren Nacht ersetzt, die das Zimmer des jungen Mädchens mit dem silbrigen Licht des Mondes erfüllte.
Sehnsuchtsvoll blickte sie hinaus, als das Lied und die Stimme des Mannes ihr Herz berührte. Er sang sein Lied nur für sie allein, sprach mit ihr, wenn sie einsam war und ihr Herz begann lauter und schneller zu schlagen, als sie die Augen schloß und sich der Magie in seinen Worten hingab und nichts anderes mehr wahrnahm.
Er war schon in so vielen Nächten zu ihr gekommen und hatte zu ihr gesprochen, eröffnete ihr eine neue Welt, die sie noch niemals zuvor erblickt hatte. Bei Tage sehnte sie sich nach ihm, obgleich sie doch eigentlich genau wusste, was ihr im Leben beschieden sein sollte. Dem schmucken, jungen Musketier Henri versprochen, der der Königin von Mondiénne treu ergeben war und von dem sie dachte, daß sie ihn liebte, gab es keine Zweifel an ihrer Zukunft. Doch warum ließ dann diese Stimme, so fern und doch so vertraut, ihr Herz lauter schlagen? Warum sehnte sie sich dann so nach diesem fremden Mann, den sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte? Cosette schlang die Arme um ihren Körper, der in der kühlen Luft des Herbstes zu zittern begann und gab dem Drang nach, in sein Lied mit einzustimmen. Ihre Stimme erklang leise und zuerst unsicher, dann klar und rein, vermischte sich mit der dunklen Stimme ihres geheimnisvollen Freundes. Ein unwiderstehliches Gefühl der Harmonie durchdrang Cosettes Körper, als die geheimnisvolle Magie sie von neuen durchströmte, die Magie, die er in ihr zum Leben erweckt hatte. Doch was war das? Sein Lied war so anders als sonst, drängend und lockend zugleich. 
„Komm zu mir Cosette, meine geliebte, kleine Cosette. Komm mit mir und ich zeige Dir alles, wovon Du geträumt hast. Ich werde jeden deiner Wünsche wahrmachen, reich mir Deine Hand und tritt hinaus in die tröstende Dunkelheit. Es wird Zeit, daß wir uns wiederfinden. Zeit, daß die Nacht uns wieder vereint.“
Cosette wusste nicht, wovon er redete, doch sie konnte ihm nicht wiederstehen. Sie öffnete das Fenster und trat hinaus auf ihren Balkon, hinaus in die Kälte, die sie umfing und sie erzittern ließ.
„Wo bist Du? Ich kann Dich nicht sehen...“
Cosettes Worte klangen dünn und ängstlich, als sie über Amaurié blickte und nach ihrem geheimnisvollen Freund suchte, doch sie konnte ihn nicht finden. Die Straßen der Stadt waren leer, als sei alles Leben aus ihr gewichen und habe nur eine Hülle zurückgelassen, leblos und kalt. Doch dann wurde das junge Mädchen von einer Wärme empfangen, die keinen natürlichen Ursprung zu haben schien und ihre Füße lösten sich von dem festen Boden, als der Gesang erneut durch die Stille der Nacht erklang und sie nach oben schwebte. Sie spürte keine Angst, nur einen kurzen Moment des Bedauerns, als sie an Henri dachte und an den Tag ihrer Hochzeit, der morgen bevorstehen sollte. Das ganze Haus würde nach ihr suchen, wenn sie nicht rechtzeitig zurückkam und instinktiv glaubte sie nicht daran, daß sie es tun würde. Ein leichtes Seufzen entwand sich ihren Lippen, während sie durch die Nacht schwebte und langsam über den Balkon in die Leere glitt.
„Es tut mir leid, Henri...“
Cosette schloß die Augen und schwebte davon, sie wusste nicht, wo ihr Ziel liegen mochte, doch sie wusste, daß sie für diesen Moment geboren worden war und nur dafür gelebt hatte. Irgendwie hatte sie immer gewusst, daß dieser Tag kommen musste.
Näher und näher kam die dunkle, weiche Stimme des Fremden, den sie tief in ihrem Inneren besser kannte, als jeden anderen Menschen und sie ließ sich fallen und leistete ihm keine Gegenwehr, als er sie mit seiner Magie zu sich trug, die auch durch ihre Adern strömte. Sie hatte niemals vermutet, daß sie das Talent einer ... besaß, bevor er gekommen war und ihr gezeigt hatte, wie sie ihre Macht nutzen konnte. Und nun genoss sie das Wissen darum und wollte nicht mehr ohne dieses köstliche Prickeln leben, daß sie immer durchströmte, wenn er bei ihr war und mit ihr sang.
Das Mädchen mit dem langen, kastanienfarbenen Haar verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum und breitete die Arme aus, als ob sie durch das Meer glitt. Endlich spürte sie die Berührung eines anderen, menschlichen Wesens und starke Arme schlossen sich um das zarte Wesen. Warme Lippen berührten sie und sie drängte sich näher an ihn heran, ihren Freund, der sie endlich zu sich geholt hatte. Begierig schlang sie ihre Arme um ihn, um ihm noch näher zu sein und endlich fühlte sie sich wie ein ganzer Mensch, als sei ihre Seele nicht mehr geteilt, sondern endlich zu einem Ganzen zusammengewachsen. Neue Gefühle durchströmten sie, die so anders waren, als alles was sie bisher gekannt hatte, anders als das, was Henri ihr gegeben hatte.
Langsam schlug sie die Augen auf und blickte nur in die dunkle Schwärze der Nacht, konnte seine Wärme spüren, doch ihn noch immer nicht sehen. Sie spürte, wie er sie auf ein weiches Lager niederlegte und ließ nur einen kurzen, protestierenden Laut zwischen ihren Lippen hervordringen, als er sich entfernte und sie allein auf den weichen Decken zurückließ.
„Warum zeigst Du Dich mir nicht? Ich möchte Dich sehen.“
Ihre Stimme war ein heiseres Flüstern, als die heiße Sehnsucht nach ihm sich in ihr ausbreitete und zu einem Verlangen wurde, das beinahe schmerzte. Ein Luftzug strich sanft über ihre Haut und ließ sie erschauern, dann keuchte sie erschrocken auf, als hunderte von Kerzen um sie herum aufflammten und den Raum illuminierten. Doch sie konnte ihn nicht erkennen, nahm nur eine flüchtige Bewegung wahr, dort, wo das Licht ihn nicht erreichen konnte. Vorsichtig bewegte sich Cosette, um das Lager zu verlassen und zu ihm zu gehen, doch eine abwehrende Geste hielt sie auf.
„Nicht! Es ist noch zu früh, meine kleine Cosette. Du wirst mich sehen, doch es ist noch zu früh, viel zu früh. Wage es nicht, es zu versuchen.“
Sie wollte protestieren und sich ihm widersetzen, doch etwas hielt sie davon ab, als eine schnelle Bewegung am Rande ihres Sichtfeldes und das Geräusch einer zuschlagenden Tür ihr zeigten, daß er sie allein gelassen hatte. Frustiert hieben ihre Fäuste auf das Kissen ein, doch er kam nicht zurück und zum ersten Mal verspürte sie Angst, als sie sich umsah und ihre Umgebung erblickte.
Sie war allein in diesem hohen Zimmer, in dem die Fenster von schweren Vorhängen verdeckt wurden und das einzige Licht von den Kerzen herrührte, die überall um ihr Bett herum aufgestellt worden waren. Ein großer Spiegel hing an der Wand und zeigte ihr ihr eigenes verängstigtes Gesicht und die großen, blauen Augen, die auf ihr dünnes Nachthemd starrten, das sie kaum zu wärmen vermochte.
Sie zog die Beine an sich und umklammerte sie, wartete, daß er zurückkommen würde, um sie zu trösten, doch er kam die ganze Nacht nicht mehr zu ihr zurück. Es musste schon früher Morgen sein, der Morgen von Cosettes Hochzeit und man würde nun vielleicht sogar schon erkannt haben, daß sie verschwunden war und nach ihr suchen. Doch wer würde sie hier vermuten, in diesem fremden Haus? Niemand würde sie jemals finden, wenn der Mann, den sie für ihren Freund gehalten hatte und der sie gelockt hatte, nicht mehr zurückkehrte. Die Tür war verschlossen und ließ sie nicht nach draussen und ein Blick in den verwilderten Garten ließ sie sicher sein, daß man sie von aussen nicht sehen konnte, selbst wenn sie nach Hilfe schrie.
Untröstlich über das, was sie getan hatte, ließ sich das Mädchen in die Kissen sinken, bis die Erschöpfung sie übermannte und sie einschlafen ließ.
Sie erwachte in der Dunkelheit von der sanften Berührung einer Hand, die über ihren Körper wanderte und dem leichten Druck fremder Lippen, die sie erschauern ließen. Verlangen durchfuhr sie erneut und ließ sie ihre mißliche Lage vergessen, als sie sich der dunklen Gestalt entgegendrängte und sie willkommen hieß. Ihre Hände wanderten über seine Brust bis hinauf zu seinem Hals, doch als sie über seine Wange streichen wollte, um seine Züge zu erahnen, schreckte er auf und hielt ihre Hand zurück. Vorsichtig zog er sich zurück und Cosette hört, wie er hastig atmete und sah nur den Umriss seines Körpers, als er sich von ihr abwandte und sich erhob. Diesmal sang er nicht für sie und seine rauhe Stimme durchbrach die Stille nur für einen kurzen Moment, bevor er spurlos verschwunden war, als habe er niemals existiert.
„Ich sagte Dir, daß Du es nicht versuchen sollst, kleine Cosette. Nun kann ich nicht bleiben, denn Deine Neugier treibt mich davon. Ich warne Dich, versuche es nicht noch einmal.“
Cosette sprang auf und versuchte ihn zurückzuhalten, doch es war zu spät und sie blieb allein zurück. Erneut flackerten die Kerzen auf und tauchten das Zimmer in ihr warmes Licht und diesmal fand sie Speisen auf dem Tisch neben ihrem Bett, verborgen unter einer silbernen Glocke. Doch es waren nicht die Speisen, nach denen Cosette sich sehnte, es war der Mann, der nur in der Dunkelheit zu ihr kam und dessen Stimme sie dazu brachte, Dinge zu tun, die sie nicht verstand.
Aber diesmal ließ Cosette sich nicht entmutigen, als er nicht zurückkehrte. Sie wartete, lauschte auf jedes Geräusch und zuckte zusammen, wenn sie glaubte, seine Schritte zu hören, doch er kam nicht und irgendwann hielt sie nichts mehr zurück. Er Herz hämmerte laut gegen ihre Rippen, als sie eine der Kerzen aus einem der schwarzen, metallenen Ständer nahm und sich damit auf die Tür zubewegte. Sie war nicht verschlossen und öffnete sich leise, als Cosette ihre Hand dagegen presste und sie langsam nach aussen schob. Stille und unheimliche Dunkelheit lagen dahinter und sie konnte nicht weit in den Flur hineinsehen, der sich dahinter erstreckte. Ihre nackten Füße berührten den weichen, dicken Teppich der den Boden bedeckte und ihre Schritte dämpfte. Kerzen, die an den Wänden in ihren Haltern angebracht waren, flammten wie von Geisterhand auf, wenn sie vorüberging.

~ Fortsetzung folgt (eher nicht) ~

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