~ Violas Spiegel ~
Mit nun schneller klopfendem Herzen machte sich Jack an die Verfolgung der
Lady, die ihren Weg sehr gut zu kennen schien und sich gezielt auf eine Tür am
Ende des Flures zubewegte. Schnell sprang er in den Schatten, als die Gestalt
der Dame sich kurz umdrehte und den Blick über den Gang schweifen ließ, was es
Jack erlaubte, endlich ihr Gesicht zu erblicken. Es war in der Tat Lady Viola,
denn diese tiefblauen Augen und der helle Teint ließen keinen Zweifel daran, daß
sie unter dem Mantel steckte und durch Stormraven huschte.
Mißtrauisch legte sich Violas Stirn in Falten, als sie den Gang mit den Augen
absuchte, doch sie fand nichts, was sie beunruhigte und schüttelte den Kopf,
offenbar der Ansicht, daß sie sich etwas eingebildet hatte. Schweißtropfen
bildeten sich auf Jacks Stirn, als er im Schatten verharrte und versuchte, möglicht
nicht zu atmen, bevor sie sich schließlich umdrehte und die Tür öffnete.
Nach einigen Sekunden bewegte sich auch Jack wieder auf den Gang zurück und
atmete tief ein, bevor er hastig ebenfalls zu der Tür hinüberschlich und sie
einen Spalt öffnete, um in den Raum dahinter blicken zu können. Ein kurzes
Gebet zu Edea sollte sicherstellen, daß Viola ihn nicht dabei bemerkte, doch
die Lady war anderweitig beschäftigt und kehrte der Tür den Rücken zu, ohne
etwas zu vermuten.
Schnell glitten ihre Finger über ein Bücherregal, das an der Wand des
verlassenen Ruheraumes angebracht war, zog hier einen lederbezogenen Folianten,
dort ein anderes goldbeschlagenes Werk daraus hervor, nur um sie dann ohne einen
rechten Sinn zurückgleiten zu lassen und sie nicht mehr anzurühren. Doch dann
bewegte sich etwas, das Regal glitt zur Seite und Jack sah gebannt auf die leere
Wand, als silbrige Streifen dort einen Kreis zu bilden begannen und das Zimmer
in ihr helles Licht tauchten. Viola ließ die Kapuze ihres Umhanges von ihrem
Kopf gleiten und ihr silbriges Haar leuchtete in dem Licht, als sei es nicht von
dieser Welt. Unwillkürlich hielt der Ritter erneut den Atem an, als ein Spiegel
dort erschien, wo die Umrisse sich gebildet hatten und das Leuchten soweit
erlosch, daß es nun nicht mehr blendete, sondern nur noch ein weiches Licht in
das Zimmer strahlen ließ.
Verwundert rieb sich der Ritter die Augen, als er nicht mehr Lady Violas Abbild
in dem Spiegel sah, der beinahe so groß war, wie sie selbst, sondern eine
andere Frau, die der Winterprinzessin zwar sehr stark ähnelte, doch trotzdem älter
sein musste und noch weitaus übernatürlicher wirkte. Konnte es wirklich sein,
daß die Gerüchte, die Viola an die Welt der Feen banden, wahr waren? War sie
wirklich eine Fee?
Jack wagte es kaum, ein Geräusch zu machen, um die Szene zu unterbrechen, die
sich vor seinen Augen abzuspielen begann. Endlich war er Violas Geheimnis so
nahe gekommen, wie noch nie zuvor und wenn das Glück auf seiner Seite war,
konnte er es endlich lüften, wenn er nun auch noch immer nicht wusste, worin
die Aufträge Violas wirklich bestanden.