~ Winterprinzessin ~
- Und mehr von Viola. Diese Geschichte ist älter als Violas Spiegel und war
eigentlich als eine Art Roman geplant. Aber dann habe ich wohl einfach den Bezug dazu
verloren - das dürfte auf eine Veränderung in meinem Leben zurück zu führen sein.
Viola gab es übrigens schon einige Zeit vor Lukrezia, damals aber in einem ganz anderen Weltengefüge. -
ie Sonne stand bereits tief am Himmel und ihre
Unterseite war bis zur Hälfte im Meer versunken und färbte das sie umgebende
Wasser in ein leuchtendes Rot, das alles golden aufglühen ließ.
Sogar die sonst so kühle Schönheit der Lady Viola Shaw, oft deswegen als
‚Winterprinzessin’ bezeichnet, wurde von ihr erwärmt und erhielt einen
neuen Ausdruck, der das Silber ihrer Haare in Gold verwandelte und ihren blassen
Teint wärmer erschienen ließ.
Viola stand verträumt auf einem der wie Schwäne geformten, weißen Balkone von
Schloß Stormhaven und genoß die Wärme der letzten Sonnenstrahlen auf ihrer
Haut.
In der letzten Zeit war ihr dies zu einer liebgewonnenen Gewohnheit geworden und
so konnte man sie oft hier finden, wenn sie auf Stormhaven weilte und sich um
die Aufträge von König James, von bösen Stimmen seiner Gegner oft als
Freibeuterkönig bezeichnet, kümmerte.
Gerade, als Viola tief in Gedanken versunken war, erregten laute Stimmen ihre
Aufmerksamkeit und ließen sie, erschrocken aus ihren Träumen gerissen,
zusammenzucken. Es handelte sich um eindeutig weibliche Stimmen, die ziemlich
erbost, wenig damenhafte Flüche ausstießen und dabei das ganze Schloß in
Aufruhr versetzten.
Stirnrunzelnd beugte sich Viola über das Geländer, um einen besseren Blick auf
das Geschehen zu erhalten und die Quelle des Aufruhrs zu enträtseln, als ein
ihr wohlbekannter, blonder Haarschopf in ihrem Blickfeld auftauchte. Diese
Entdeckung löste das Rätsel um die Aufregung der Damen ohne Frage, denn Sir
Jack Montgomery, seines Zeichens einer der Ritter des Königs und wagemutiger
Charmeur, kletterte unaufhaltsam über die Balkone, die die mythischen Gestalten
darstellten, auf Lady Viola zu.
Rücksichtsvoll trat sie einen Schritt zurück und wartete an der gläsernen
Balkontür darauf, daß er seinen geschmeidigen Körper über das Geländer zog.
Nachdem er schließlich vor ihr stand, hob Viola amüsiert eine Augenbraue in
die Höhe und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Stimme hatte einen
neckenden Ton angenommen, als sie in ansprach.
„Nun, Sir Jack? Wie ich sehe, habt ihr noch immer eine Abneigung gegen
Treppen und Türen. Darf ich den Grund dafür erfahren? Oder seid ihr etwa in
geheimer Mission unterwegs?“
Der Angesprochene, der elegant über das Geländer gesprungen war, streckte mit
einem frechen Grinsen die Hand nach Viola aus, die ihm die ihre reichte und
hauchte galant einen zarten Kuß auf die Hand der Lady, bevor er ihr tief in die
Augen sah.
„Ihr habt es erraten., Lady Viola. Ich kann euch den Grund für mein
Erscheinen auf eurem Balkon leider nicht verraten, also sehr es einfach als
meine Art der Leibesertüchtigung an. Ich möchte nicht aus der Übung
kommen.“
Diese für Jack so typische Antwort, zauberte ein Lächeln auf Violas Lippen.
Seine Methoden waren für gewöhnlich immer mehr als gewöhnungsbedürftig und
entsprachen selten dem, was man von einem Ritter erwartete.
„Oh, das dachte ich mir bereits. Aber bevor ihr euren Weg fortsetzt, Mylord,
sagt, sind König James und Lady Ailith über eure Mission informiert?“
Ein gekonnt unschuldiger Blick fand den Weg auf Sir Jacks markante Züge. Die
meisten Damen bei Hofe wurden bei diesem Anblick schwach, nicht jedoch Viola,
denn sie kannte Jack zu gut, um auf diesen kleinen Trick hereinzufallen.
„Aber Mylady! Vertraut mir einfach. Ihr wisst, daß ich niemals etwas tun würde,
daß Alviona Schaden zufügen könnte.“
Er lächelte leicht und zwinkerte Viola schelmisch zu. Gegen ihren Willen musste
auch die Winterprinzessin lächeln, doch sie verbarg es schnell hinter ihrer
Hand.
„Aber natürlich, Sir Jack. Dann möchte ich euch nicht länger von dem Schützen
unseres Landes abhalten.“
Viola trat zur Seite, um die Tür freizugeben, doch sie hatte nicht mit dem
starken Arm des Ritters gerechnet, der sich um ihre Taille schlang und sie mit
einem festen Griff näher zu ihm heranzog. Ein tiefer Blick aus seinen seegrünen
Augen traf auf Violas meerblaue, bevor sich ihre Lippen berührten.
Nach einiger Zeit trat Viola ein wenig atemlos zurück und musterte Jack mißtrauisch.