Seidene Schleier

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    • Seidene Schleier

      Viele Angehörige des Terrano-Adels hatten sich an diesem Abend in dem Palazzo der Salvatore Familie eingefunden. Pari spähte durch die Schleier, mit denen man den Raum unterteilt hatte. Felipe Salvatore, der Herr des Hauses, hatte eine ausgeprägte Schwäche für die Kultur der Vhardhari. Man merkte es, sobald man den Saal betrat, den seine Diener ausstaffiert hatten wie ein Bordell ihrer Heimat. Bunt bestickte Seidenkissen boten Sitzgelegenheiten für die Herrschaften, die es höchst amüsant und exotisch fanden, auf diese Weise dem Spektakel beizuwohnen, das ihr Gastgeber für sie inszeniert hatte. Kerzen flackerten in formschönen Gläsern und beleuchteten die Szenerie. Es gab Speisen aus ihrer Heimat, dazu Bhang, das bereits seine Wirkung zu zeigen begann. Die Stimmung wurde ausgelassener.

      Pari verzog die Lippen zu einer spöttischen Grimasse. Sie ließ von dem Vorhang ab, durch den sie in Kürze treten sollte und die Glöckchen an ihren Fesseln klingelten bei jedem Schritt. Sie hatte den Schleier angelegt, die traditionellen, schweren Röcke. Die funkelnden Juwelen, die ihren Körper zierten wie ein Meer aus Sternen. Hatte sie das Gewicht früher beinahe niedergedrückt, so gab es ihr nun Sicherheit. Es war wie eine Kostümierung, die sie der Welt zur Schau trug. Die Verkleidung, die ihr wahres Ich verbarg.

      Es war so weit. Felipes Stimme gemahnte um Ruhe, pries sie an wie eine Jahrmarkt-Attraktion. Seine Entdeckung. Pari verbiss sich das verächtliche Lächeln. Stattdessen senkte sie bescheiden den Blick, wie es von einer Vhardhari Frau erwartet wurde. Unter dem Klingeln ihrer Tanzglöckchen trat sie hinaus und ließ sich auf dem bunt gemusterten Teppich nieder. Ihre Stimme erklang klar und rein, als sie zu den ersten Tönen des traurigen, getragenen Liedes ansetzte. Sie brachte auch die letzten Worte zum Verstummen ...
      Bahe naina Bhare morey Naina
      Jhare morey naina
      Mohe naina sune naahi kehna, bahe morey naina




    • Victor Serban hatte eine schriftliche Einladung von Felipe Salvatore erhalten. Eine Einladung zu einer exotischen Darbietung aus fernen Ländern. Nun, Victor war viel herumgekommen. Wenn er zum Beispiel an seine Abenteuer in Theoris dachte, wo er sich mit dem finsteren Shaak Amun duelliert hatte. Ja der erste Vampir aus dem kalten Anatolja hatte so manchen Fleck auf Terra Edea mit seinen untoten Augen erblickt.
      So hatte Victor sich von seiner Kutsche zum Palazzo der Salvatores bringen lassen. Victor war ein großer Mann, wie viele andere Männer aus seiner Heimat. Muskulös, langes, rabenschwarzes Haar, welches er bevorzugt offen zur Schau trug, wie üblich in edlen Gewand gekleidet, betrat er das Innere des Palazzos. Er kannte den Weg, nickte hier, nickte dort, begrüßte den ein oder anderen Gast und schließlich kam er an dem ihm zugewiesenen Platz an. Die Darbietung hatte schon begonnen und da erblickte er sie, die Tänzerin aus Vhardhari.
      Felipe hatte nicht zuviel versprochen, es würde exotisch werden. Victor setzte sich auf den für ihn bestimmten Platz und genoss die Darbietung. Um ihn herum war genug Platz für mindestens fünf oder sechs weitere Zuschauer aber niemand wagte es sich direkt in seine Nähe zu begeben. Er betrachte den Tanz der schönen Frau, ließ sie für keinen Moment aus den Augen, wie ein Raubtier welches seine Beute aus dem Hinterhalt beobachtete.
    • Pari bemerkte die Augen des Fremden, die auf ihr hafteten, doch sie ließ sich nichts davon anmerken. Das Lied hatte sich in einen traditionellen Tanz der Vhardhari gewandelt, den sie mit ihrer Stimme begleitete. Die Glöckchen klingelten an ihren Füßen und ihr Rock umwehte ihre Gestalt wie ein Teller, der sich in die Lüfte hob, um den Blick auf ihre Beine zu erlauben. Wer jedoch nackte Haut erwartete, wurde enttäuscht. Enge Beinkleider verbargen ihre gebräunte Haut vor neugierigen Augen.
      Pari näherte sich den Männern in ihrem Publikum, sang für einen Herzschlag nur für sie allein, schenkte ihnen einen scheuen Blick aus ihren dunkel umrahmten Augen, ehe sie zu dem Nächsten weiterging. Auch vor dem Fremden, dem sich keiner näherte, hielt sie inne, sang für ihn. Sie erschauerte unter seinen Blicken und entschwand nach einem Augenaufschlag mit einer Drehung in die Mitte ihrer Bühne.
      Schließlich verstummte die Musik und Paris Stimme verklang. Sie verharrte noch für einen Augenblick in ihrer letzten Bewegung, dann schlug sie die Augen nieder und verschwand hinter den seidenen Schleiern, hinter denen Roopa auf sie wartete.
      Ihr Herz schlug heftig. Aber es war nicht die Anstrengung des Tanzes. Der Fremde hatte eine seltsame Furcht in ihr geweckt, die sie nicht zu begreifen vermochte. Pari schüttelte den Kopf. Sie benahm sich wie ein verängstigtes Mädchen. Dabei war sie eine Frau, die vieles gesehen und erlebt hatte. Waren ihre Nerven so schrecklich überreizt? Roopa kam herbei und nahm ihr den Schleier ab, half ihr dabei, das Kostüm zu wechseln. Felipe Salvatore erwartete, dass sie sich unter seine Gäste mischte. Und ihr schwerer Tanzrock wäre dabei überaus hinderlich.
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    • Victor Serban war nach Außen hin die Ruhe selbst, der Fels, der keinen Sturm scheute. Innerlich frohlockte er. Dieser Tanz, so anmutig und voller Eleganz. Ja dieser Tanz hatte dem Vampir wahrlich gefallen. Selten hatte er bei einem Menschen solch eine vollkommene Darbietung in den letzten Jahren erlebt.
      Victor war begeistert. Er wußte, er mußte diese Frau unbedingt kennenlernen, mit ihr reden und vielleicht würde er eine weitere Darbietung ihrer Kunst bekommen. Er lächelte geheimnisvoll und ging durch die Menge der anwesenden Gäste.
      Conte die Samarra begrüßte ihn in seiner schleimerischen und äußerst liebenswürdigen Art. Victor erwiderte die Begrüßung, nahm dankend die Einladung zum Abendessen in der kommenden Woche an. Insgeheim wußte er, worauf das wieder hinauslaufen würde. Conte die Samarra wollte seine nichtssagenden Töchter gewinnbringend an den Mann bringen und Victor war wohl gerade das auserkorene Ziel dieser Wünsche. Victor verabschiedete sich, ließ seine Geist in den des Conte eindringen und dieser vergaß, dass er Victor einladen wollte.
      Wie ein Wolf der Beute hinterher jagte, so bewegte sich Victor Serban duch die Gäste hindurch, auf der Suche nach der Tänzerin aus Vhardhari.
    • Als Pari wieder hinter den Vorhängen hervortrat, trug sie ein leichteres Gewand aus blauer Seide. Ein mit Juwelen geschmückter Schleier bedeckte das aufgesteckte Haar. Es dauerte nicht lange, bis man sie ansprach. Die Frauen hatten Fragen zu ihrer Heimat, doch sie waren in der Unterzahl. Die Männer hingegen ... nicht alle erkannten ihre Grenzen. Sie waren ein ungehobeltes, unzivilisiertes Volk, diese Terrano. Eine ärgerliche Linie bildete sich auf Paris Stirn. Kein Vhardhari würde es wagen, eine Kurtisane auf diese Weise zu behandeln. Sie war keine Hure, die das Bett mit jedem teilte, den es danach gelüstete.

      Nachdem sie ihre Avancen abgewiesen hatte, begab sie sich auf einen der Balkone hinaus, die einen Blick über Porto di Fortuna gewährten. Die Türen standen offen, um eine Flucht nach draußen zu ermöglichen. Die Nachtluft kühlte ihre erhitzten Wangen und ließ den Ärger aus ihren Adern schwinden. Sie hatte geahnt, dass es nicht leicht werden würde. Sie musste sich an ihr Ziel erinnern. Sie war nicht ohne Grund in diese Stadt gekommen.

      Pari stieß den Atem aus und schloss die Augen. Sie durfte es nicht vergessen, selbst wenn diese Barbaren nur schwer zu ertragen waren und sie anglotzten wie ein exotisches Tier. Es ging um ihre Rache und sie würde tun, was sie dafür tun musste.

      Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Sie blickte über die Kanäle hinaus und fand Ruhe in dem Anblick der mondbeschienenen Wasserwege.
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    • Victor Serban betrat lautlos den Balkon: "Ein wunderschöner Anblick, nicht wahr?" Er lächelte freundlich, seine Augen schauten der Tänzerin aus Vhardhari neugierig und forschend direkt ins Gesicht. Im Gegensatz zu den vielen plumpen Adligen der Gesellschaft im Inneren musterte er sie nicht lüstern von Kopf bis Fuß. Nein Victor interessierte sich für den Menschen vor ihm.

      "Verzeiht mir meine forsche, neugierige Art. Ich bin Euch dreisterweise gefolgt. Ich bin Victor. Victor Serban aus Anatolja, genauer gesagt aus Girkutsk." Der hochgewachsene Mann lächelte charmant, eine knappe Verbeugung ausführend. "Ich wollte Euch kennenlernen. Das ferne Vhardhari ist mir nicht unbekannt aber ich war dort nur für eine Jagd in den tiefen Dschungeln unterwegs und das ist schon ein paar Jahre her. Soclhe eine Darbietung wie die Eure sucht ihresgleichen. Ich bin begeistert und fasziniert gewesen. Das schafft nicht jeder! Darf ich erfahren, wer die bezaubernde Meisterin des Tanzes ist?"

      Der Blick des Vampirs schien sich ins Innerste der Frau vor ihm zu bohren, als er auf ihre Antwort voller Geduld warete.
    • Pari erschrak und ihr Herzschlag verwandelte sich in eine Trommel. Es war der Fremde, den sie bereits bei ihrem Tanz wahrgenommen hatte. Nun stand er vor ihr und er hatte nichts von seiner einschüchternden Aura eingebüßt. Nur mühsam gelang es ihr, ihre Gefühle nicht an die Oberfläche dringen zu lassen.

      “Namasté, Sahib.“ Sie legte ihre Handflächen aneinander und beugte den Oberkörper nach der Art ihre Volkes. “Man nennt mich Pari.“ Sie ließ offen, ob es sich um ihren tatsächlichen Namen handelte oder nicht. Ein oft geübtes Lächeln umspielte die vollen Lippen, doch es erreichte ihre Augen nicht. Obgleich sich der Mann vor ihr bemühte, ihr ins Gesicht zu sehen, erwartete sie nicht, dass er sich anders verhalten würde als der Rest. Er war geschickter, das war alles. Dennoch ließ sie es nicht an dem Charme mangeln, den ihre Rolle erforderte.

      “Ihr kennt meine Heimat?“ Ein Hauch von Sehnsucht schlich sich ungebeten in ihren Blick und ließ ihn weicher werden. “Leider kann ich das Gleiche nicht von der Euren behaupten. Ich habe Euer Land noch nie besucht.“
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    • Victor lächelte freundlich, den Gruß dabei erwidernd. "Nun meine geschätzte Pari, Anatolja ist der vollkommene Gegensatz zu Eurer Heimat. Ein rauhes Land, eisige Winter, große Steppen und die Heimat vieler dunkler Kreaturen. Ein gefährliches Land, dessen Wälder von übernatürlichen Kreaturen bewohnt werden, mindestens genauso gefährlich wie ein Wertiger, der durch Eure Dschungel streift, nach Beute ausschauend. Aber ich liebe meine Heimat."

      Victor Serban hielt einen kurzen Moment still, beobachtete die schöne Frau vor ihm, welche eine geradezu exotische Anziehungskraft auf ihn ausübte.

      "Leider kann ich zur Zeit nicht in meine Heimat, auf mein Schloss zurück, da dringende Geschäfte in Terrano mich davon abhalten dieses schöne Land zu verlassen. Aber auf der anderen Seite hätte ich Euch nicht kennengelernt, wenn ich in Anatolja verblieben wäre."
      Ein sympathisches Lächeln umspielte Victors Mund bei diesen Worten und seine Augen leuchteten frech auf.